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Was die europäische Milch­­wirtschaft für unsere Ernährung leistet

Welche Rolle spielt die Milchwirtschaft heute und in Zukunft für unsere Ernährung? Agrarwissenschaftlerin Pauline Große beleuchtet in ihrem Vortrag beim VFED-Kongress das Spannungsfeld zwischen Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Nahrungsmittelkonkurrenz. Ihre Bilanz: Die Milchwirtschaft schließt biogene Stoffkreisläufe und sichert wertvolle Nährstoffe.

Die wichtigsten Fakten im Überblick

Milchprodukte genießen hohe Wertschätzung im Alltag

Für 80 Prozent der Deutschen gehören Milchprodukte zu einer ausgewogenen Ernährung; acht von zehn Konsument:innen verzehren sie mindestens einmal wöchentlich.

Nahrungsproduktion geht nicht ohne Emissionen

Jede biologische Nahrungsmittelerzeugung hinterlässt ökologische Spuren, weshalb Emissionen immer zusammen mit dem Nährstoffwert betrachtet werden müssen.

Kühe leisten einen wertvollen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft

Als Wiederkäuer nutzen sie Dauergrünland sowie für den Menschen nicht essbare Nebenprodukte aus dem Ackerbau und wandeln diese Biomasse in hochwertiges Protein um.

Die Milchbranche reduziert proaktiv Emissionen

Über branchenweite Initiativen erfassen die Betriebe ihre individuellen Treibhausgasbilanzen, um  die Emissionen pro Liter Rohmilch zu senken. Die „Klimaplattform Milch” zum Beispiel hat in ihrer Datenbank bereits mehr als 5.000 Betriebe klimabilanziert.

Milchprodukte leisten einen Beitrag zur Ernährungssicherheit

Deutschland erreicht bei Milchprodukten wie Käse (125 %) und Joghurt
(124 %) einen hohen Selbstversorgungsgrad, was die Lebensmittelversorgung krisenfest macht.

Ob der Schluck Milch im Kaffee, der Joghurt zum Frühstück oder der Käse auf dem Abendbrot

Für die meisten von uns gehören Milchprodukte ganz selbstverständlich zum Alltag. Laut Erhebungen des European Milk Forum (EMF) zählen sie für 80 Prozent der Deutschen zu einer ausgewogenen Ernährung. Acht von zehn Konsument:innen genießen Milch und Co. mindestens einmal pro Woche, jeder Fünfte sogar täglich. Verbraucher:innen nennen neben dem Geschmack (48 %) vor allem den Nährstoffgehalt und den gesundheitlichen Wert (41 %) als maßgebliche Kaufmotive.

Doch mit Blick auf das Klima fragen sich viele, ob der Genuss noch vertretbar ist. Die Agrarwissenschaftlerin Pauline Große gibt Entwarnung und richtet den Fokus auf das Gesamtbild. Denn wer nur auf Methanemissionen schaut, übersieht schnell, was die Milchkuh im Gesamtsystem der Landwirtschaft und für die Versorgung der Menschen tatsächlich leistet.

Artikel vom 18.9.2026

Wie Kühe die Kreislaufwirtschaft unterstützen

Weltweit besteht mehr als die Hälfte (67 %), in Europa etwa ein Drittel ¹ (32 %) und in Deutschland mehr als ein Viertel (28 %) der Agrarflächen aus Wiesen und Weiden. Diese Böden lassen sich nicht für den Ackerbau nutzen. Hier wirken Milchkühe als Bio-Veredlerinnen. Sie schlüsseln die für den Menschen ungenießbaren Pflanzenfasern auf und wandeln sie in hochwertiges Eiweiß um.

In diesem Zusammenhang wird häufig die Frage nach der Nahrungsmittelkonkurrenz zwischen Mensch und Tier aufgeworfen. Eine direkte Konkurrenz entsteht, wenn fruchtbare Ackerflächen für den Anbau von Tierfutter genutzt werden, anstatt direkt für die menschliche Nahrung. Bei Gras vom Dauergrünland und agrarischen Nebenprodukten wie Pflanzenresten vom Feld besteht jedoch keine Nahrungsmittelkonkurrenz. Durch die gezielte Verfütterung von Reststoffen aus der Getreide-, Ölsaat- und Gemüseverarbeitung werden Nährstoffe vielmehr effektiv im Kreislauf gehalten, anstatt als Abfall zu enden.

Wie die Milchwirtschaft Emissionen reduziert

Ganz ohne Treibhausgase geht es bei der Erzeugung von Lebensmitteln nicht. Die gute Nachricht: Es gibt großes Potenzial, um Emissionen einzusparen. Landwirt:innen in ganz Europa engagieren sich in datengestützten Nachhaltigkeitsprojekten. Über die Klimaplattform Milch etwa, einer gemeinsamen Datenbank der niedersächsischen Molkereien, ermitteln in Deutschland bereits mehr als 5.000 landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen ihre individuellen Klimabilanzen.²

Diese Klima-Checks zeigen, an welchen Stellschrauben Erzeuger:innen ansetzen können. Der Hauptanteil der Treibhausgase entsteht durch die natürliche Pansenverdauung der Tiere (39 %), durch die Futtermittelherstellung (33 %) und das Wirtschaftsdüngermanagement (18 Prozent). ³ Somit können Milchwirt:innen ihren CO₂-Fußabdruck pro Liter Milch weiter senken, indem sie Fütterungsstrategien optimieren, die Qualität des Grundfutters steigern und moderne Techniken zur Gülleausbringung einsetzen. Bereits heute erzeugt die deutsche Milchwirtschaft mit durchschnittlich 1,4 kg CO₂-Äquivalenten pro Liter Rohmilch deutlich weniger Emissionen als der weltweite Durchschnitt von 2,4 kg CO₂-Äquivalenten je Liter ⁴

Milchprodukte unterstützen Ernährungssicherheit und Nährstoffversorgung

Ein weiterer wichtiger Grund für eine Agrarstrategie, in der auch Milch ihren Platz findet: die verlässliche Versorgung der Bevölkerung. In Sachen Milchprodukte weist Deutschland im europäischen Vergleich hohe Selbstversorgungsgrade auf. ⁵ Käse liegt bei 125 Prozent, Joghurt bei 124 Prozent, Butter bei 112 Prozent und Konsummilch bei 106 Prozent. ⁶ Das bedeutet, dass Deutschland mehr Käse, Butter und Milch produziert als im Land selbst verzehrt werden. Hinzu kommt, dass Milch eine hohe Nährstoffdichte besitzt. Somit bleibt die heimische Nährstoffversorgung auch in Krisenzeiten unabhängig.

Was die Verzehrmengen anbelangt, diskutiert die Fachwelt zwei unterschiedliche Ansätze: die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das internationale Konzept der Planetary Health Diet (PHD). Die DGE empfiehlt in ihrem Ernährungskreis, täglich Milchprodukte zu verzehren. Die PHD, die im globalen Ernährungsplan den Schutz des Planeten berücksichtigt, setzt deutlich geringere Mengen an. Ein Grund dafür sind die unterschiedlichen Bewertungen des täglichen Kalziumbedarfs. Ernährungswissenschaftler:innen betonen jedoch, dass der Verzicht auf Milchprodukte ohne gleichwertigen Nährstoffersatz Risiken bergen kann. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist eine adäquate Kalziumzufuhr unverzichtbar, um im Wachstum eine maximale Knochendichte aufzubauen. Fest steht, dass der weltweite Konsum von Milchprodukten wie Käse und Joghurt kontinuierlich steigt.

Eine Welt ohne Milch?

Pauline Große hält das für keine gute Idee. Agrarökonom:innen befassen sich schon lange mit Szenarien, wie nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung mit und ohne Tiere aussehen würden. Dr. Annette Freibauer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft etwa hat untersucht, wie sich die unterschiedliche Flächennutzung von Acker und Grünland auswirken würde. Demnach wäre eine „Welt ohne Milch“ nicht zukunftsfähig.

Ziel sollte es vielmehr sein, dass in der Milchwirtschaft von morgen Tradition und Innovation ineinandergreifen, um den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Mit klimaschonenden Erzeugungsmethoden, digitaler Erfassung auf den Höfen und einer effizienten Verwertung von Agrarnebenprodukten bleibt Milch ein wertvolles, regionales und zukunftsfähiges Lebensmittel.

Wer ist Pauline Große?

Pauline Große ist Referentin für Qualitätsförderung bei der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e. V. Durch den früheren Milchkuhbetrieb ihrer Großeltern ist sie seit ihrer Kindheit eng mit der Landwirtschaft verbunden. Ihr Studium der Agrarwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen absolvierte sie mit den Schwerpunkten Nutztierwissenschaften im Bachelor und Agribusiness im Master. Praktische Erfahrungen sammelte sie unter anderem durch landwirtschaftliche Praktika und eine Anstellung auf einem Milchkuhbetrieb.

Christoph Bossmann

Quellen

  1. [01] European Commission, Gassland and livestock dynamics, S. 5, Januar 2026. — Link
  2. [02] Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Klimaplattform Milch basiert nun auf bundesweit einheitlichem Rechner, 14.5.2025. — Link
  3. [03] Datenerhebung der Klimaplattform Milch 2026
  4. [04] Bundesverband Rind und Schwein: Weniger Emissionen bei Milch aus Deutschland, Mai 2025. — Link
  5. [05] CLAL: Self-Sufficiency Milk 2026 — Link
  6. [06] BMEL: Versorgung mit Milch und Milcherzeugnissen in Deutschland 2025 — Link