Videopodcast
In unserem Reality-Check schauen Achim Sam und Wilhelm Windisch tief in den Futtertrog und erzählen, wie Wiederkäuer den agrarischen Nährstoffkreislauf erhalten.
Agrarwissenschaftler Prof. Wilhelm Windisch und Ernährungswissenschaftler Achim Sam setzen sich gängigen KI-Mythen rund um die Kuh als Wiederkäuerin in unserem Ernährungssystem auseinander. Direkt von der Kuhwiese sprechen die beiden mit Tarik über den agrarischen Nährstoffkreislauf im Spannungsfeld zwischen KI-Aussagen, Verbraucher:innen-Mythen und der wissenschaftlichen Realität. Gängige Antworten von Künstlicher Intelligenz zu Nutztierhaltung und Ernährungstrends dienen dabei als Diskussionsgrundlage. Im Zentrum steht die biologische Fähigkeit von Wiederkäuer:innen, für den Menschen ungenießbare Biomasse in hochwertige Lebensmittel umzuwandeln. Die Experten ordnen zudem das Verhältnis von Kuhmilch zu pflanzlichen Alternativen in der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion ein und beleuchten den aktuellen High-Protein-Trend.
Kurz: In dieser Folge erfahrt ihr, wie die Verdauung von Wiederkäuerinnen pflanzliche Biomasse für uns nutzbar macht, warum Kuhmilch und pflanzliche Haferdrinks letztlich Partner im Ökosystem sind und was hinter dem High-Protein-Hype steckt.
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[00:00] Thema: Intro und Teaser [Podcast-Musik]
Wilhelm: Also Kühe sind sehr wertvoll für unsere Landwirtschaft, und zwar eigentlich schon seit Jahrtausenden, und das hat eigentlich damit was zu tun, dass sie Wiederkäuer sind. Also Haferdrink und Kuhmilch sind keine Gegner, sondern die sind eigentlich ...
Achim: Partner? Also ich bin großer Fan von Fermentieren, also von Fermentiertem. Wenn du eine Buttermilch trinkst, ganz klassisch, das noch kombinierst mit einer Pellkartoffel, so wie man das früher gegessen hat, dann hat man eine sehr hohe biologische Wertigkeit.
[00:35] Thema: Begrüßung und Vorstellung der Gäste Tarik: Hi und herzlich willkommen. Heute dreht sich alles um ein sehr spannendes, aber zugleich auch ein Thema, das oft zu Missverständnissen führt. Es geht um die Nährstoffkreisläufe in der Milchproduktion. Und Leute, wir sind heute nicht irgendwo, sondern auf einer wunderschönen idyllischen Wiese mit Bergpanorama inklusive. Wir sind also ganz nah dran an dem, worüber wir heute sprechen werden, nämlich über das Zusammenspiel von Weideflächen, Futterzusammensetzung und der magischen Kuhverdauung. Und wie beim letzten Videopodcast machen wir auch wieder einen KI-Faktencheck. Den mache ich nicht alleine, sondern mit zwei tollen Gästen. Ich freue mich sehr, Prof. Dr. Wilhelm Windisch ist mit dabei. Herzlich willkommen, hallo zusammen. Du bist emeritierter Professor für Tierernährung der Technischen Universität München. Wilhelm, ich mache mich zum Anfang direkt nackig: Ich wusste nicht, was emeritiert heißt, ich musste das googeln.
Wilhelm: Emeritiert heißt, dass man sozusagen im Austragshäuschen sich befindet, aber schon noch ein bisschen auf den Hof draufschaut und auch ab und zu mal ein bisschen mithilft und seine Meinung auch öffentlich äußert. Das ist eine schöne Geschichte. Man kann weiterhin seine Gosche aufmachen. Man kann, aber muss nicht.
Tarik: Aber man muss nicht, genau. Das ist doch super fürs Leben. Du hast nämlich viele, viele Jahre den Stoffwechsel von Nutztieren untersucht und dabei erforscht, wie und woraus man ein echtes Power-Futter für Milchkühe machen kann. Ich bin sehr gespannt auf deinen Input heute. Und auch mit dabei on top ist noch Achim Sam, auch an dich ein herzliches Willkommen. Du bist einer der bekanntesten Ernährungswissenschaftler Deutschlands und mehrfacher Bestsellerautor. Dein aktuelles Buch heißt "Böse Milch und guter Dinkel?". Du hast schon zahlreiche Podcasts, ich glaube über 250, zum Thema Ernährung gehostet. Und was und wie die Nährstoffe quasi vom Gras ins Milchglas kommen, das wirst du uns sicherlich gleich verraten. Schön, dass du mit dabei bist, schön, dass ihr beide mit dabei seid. Schaut euch das doch mal an, hier sind Kühe, wir sind mittendrin. Jetzt will ich natürlich von euch wissen, Achim, von dir als Erstes: Wir sind ja hier auf einem Milchbetrieb, ist es das erste Mal für dich?
[02:57] Thema: Eindrücke vom Milchbetrieb und persönliche Beziehung zu Kühen Achim: Nee, das ist tatsächlich nicht das erste Mal. Ich bin immer wieder fasziniert, wie so das Zusammenleben stattfindet. Wie die Landwirte mit ihren Tieren umgehen und wie eng das Verhältnis ist. Fast jede Kuh hat einen Namen, und das ist was, was mich besonders beeindruckt. Ich mag wahnsinnig gern Milch, aber mir ist das Tierwohl auch sehr wichtig. Und deshalb tut es immer gut, wenn man das dann auch mal sieht: Wie ist das Verhältnis von Mensch und Tier und wie leben die Tiere überhaupt? Und deshalb finde ich es so schön und spannend, dass wir heute hier so zusammensitzen.
Tarik: Und sag mal, wenn du so deine ersten Impressionen zusammenfassen würdest mit einem Emoji, welches Emoji würde da am besten passen?
Achim: Ich bin ganz schlecht mit Emojis. Herz, also ich glaube, es wäre ein Herz. Ja, weil ich einfach ... ich liebe die Berge, ich liebe Tiere, ich liebe Milchprodukte, ich mag die Natur, und wenn das alles so in einem Einklang ist, dann geht mir das Herz auf. Ein Herz mit einer Kuh.
Tarik: Ja. Wilhelm, für dich ist das Setting hier ja auch nichts Neues, es ist ja quasi dein Forschungsgegenstand. Als du heute hier angekommen bist, was waren so deine ersten Eindrücke und natürlich auch, welches Emoji passt zu deinen Eindrücken am besten?
Wilhelm: Also beim Herfahren, wunderbar, das ist ja Traumlandschaft. Vor allen Dingen also die Berge. Ich kenne die ja so aus meiner Jugend und früheren Zeit, ich war viel in den Bergen. Genau hier sehe ich sie auf den ein oder anderen Gipfeln. Ganz toll. Beim Herfahren, dass das Heu da gemacht wurde. Die anderen machen Silage. Das ist Landwirtschaft pur. Und dann kommt man auf einen Milchviehbetrieb. Ich mag sowieso Milchviehbetriebe am liebsten.
Tarik: Also ich höre da auf jeden Fall auch eine große Leidenschaft raus. Sag mal, war das schon immer so bei dir? Hattest du früher als Kind eine Lieblingskuh und hast dir dann später gedacht, da will ich drüber forschen, oder woher kommt so deine Faszination für Kühe?
Wilhelm: Das ist fast so. Ich komme selber ja nicht aus der Landwirtschaft, aber die Nachbarschaft, überall. Und meine Jugend, meine Kindheit war immer mit Kühen verbunden. Zum Schluss habe ich sogar noch in einen Milchviehbetrieb reingeheiratet. Ich würde als Emoji eine Kuh nehmen, nicht mit Kuhaugen, sondern mit diesen Sternen.
Tarik: Achim, wie ist das bei dir? Was ist so dein Verhältnis zu Milch und was erwartest du dir von unserem heutigen Reality-Check?
Achim: Also ich bin auf dem Land großgeworden, in einem kleinen Dorf, da gibt es viele Kühe außenrum. Auf der einen Seite trinke ich gerne und esse Milchprodukte wahnsinnig gern. Und auf der anderen Seite mag ich aber auch unseren Globus wahnsinnig gern und die Natur und den Tierschutz. Und deshalb erwarte ich mir einfach von Willi heute, auch ein bisschen mehr zu erfahren, was hat das alles auf sich mit Futter und wie belastet ist das eigentlich alles. Und dass da so ein bisschen Klarheit reinkommt. Also quasi mein Wissensgebiet auch nochmal ein bisschen erweitern, um das sozusagen ... was du so machst.
[05:41] Thema: Die Kuh als Nährstoff-Transformator Tarik: Also ich merke schon, ihr beiden seid ein perfektes Match für unser kleines Grasgeflüster. Und Gras ist ein gutes Stichwort, Wilhelm, denn ich hab's ja schon gesagt: Wenn ich jetzt hier einfach mal auf der Weide Gras essen würde, würde wahrscheinlich nichts Gutes dabei rauskommen. Wenn die Kuh das aber macht, entsteht dadurch unter anderem eben Milch. Wie macht die das denn?
Wilhelm: Die Kuh frisst eigentlich gar kein Gras, so in dem Sinn. Die hat ein Verdauungssystem, so wie ein Mensch auch. Die hat einen Magen, einen Dünndarm. Und sie würde von dem Gras mit vollem Bauch verhungern, wenn sie nicht vor ihrem eigentlichen Magen so ein Vormagensystem hätte. Das sind drei Teile, der größte ist der Pansen, und dann kommen so ein paar kleinere Teile noch dazu, und da drin sind jede Menge Mikroorganismen. Und diese Mikroorganismen, die schließen das Gras auf. Und was die Kuh macht, sie füttert eigentlich ihre Mikroorganismen in diesen Vormägen. Und sie frisst dann das, was die Mikroorganismen daraus machen. Also eine wunderbare Transformation von Gras in essbares Material. Und aus dem Essbaren macht die Kuh dann die Milch. Und alles, was dahinter, hinter diesem Vormagen ist, ist genauso wie beim Menschen auch.
[07:04] Thema: KI-Faktencheck - Brauchen wir Kühe? Tarik: Also ein perfektes System, von dem wir Menschen dann eben auch profitieren können, wenn wir dann eben Milchprodukte essen. Es ist ja so bei unserem Videopodcast, dass wir ganz gerne auch immer ins Netz schauen und mal so ein bisschen schauen, was für Ideen schwirren da eigentlich so rum, gerade auch bei KI, wenn es um das Thema Milch und eben bei uns jetzt heute um den Nährstoffkreislauf geht. Ich habe mal die KI gefragt und zwar so eine kleine plakative Frage, denn das Netz liebt ja plakative Fragen: Brauchen wir Kühe? Und die Antwort, Achim, war: Für unsere Ernährung sind sie nicht unverzichtbar, aber wertvoll. Wie passt das zu dem, was du weißt, wie schätzt du diese KI-Antwort ein?
Achim: Also wir müssen keine Milchprodukte essen, das ist ganz klar, es gibt ganz viele Menschen auf der Welt, die keine tierischen Produkte essen und auch keine Milchprodukte zu sich nehmen, und die leben trotzdem und können auch trotzdem gesund leben. Nichtsdestotrotz ist aber Milch oder sind Milchprodukte ein hochkomplexes Lebensmittel mit vielen Mikronährstoffen, die da drin sind, und Makronährstoffen, also Proteine, besonders hochwertige oder bioverfügbare Proteine. Wir haben das Kasein, wir haben das Molkenprotein mit drin, Vitamine, also A, D, K2 beispielsweise, B12, B2 haben wir mit drin. Also es ist schon wahnsinnig viel drin in der Milch und das macht es so besonders und so hochkomplex.
Tarik: Wilhelm, auf meine Frage "Brauchen wir Kühe?" hat die KI auch gesagt, dass die Kuh für den ökologischen Kreislauf potenziell wichtig ist. Wie schätzt du diese Antwort ein?
Wilhelm: Also Kühe sind sehr wertvoll für unsere Landwirtschaft, und zwar schon eigentlich seit Jahrtausenden. Und das hat eigentlich damit was zu tun, dass sie Wiederkäuer sind. Und als Wiederkäuer eben mit dieser Fähigkeit, faserreiche Biomasse zu verdauen, gedeihen sie auf Flächen, die wir für die Lebensmittelproduktion im Sinne von Ackerbau gar nicht nutzen können. Man muss einfach mal in die Geschichte zurückgehen. Die Geschichte der Hirten ist viel älter als die Geschichte der Landwirte, die Ackerbau betreiben. Und die Kühe können zum Beispiel hier, wenn man mal guckt, das ist alles Grasland, das schwer als Acker nutzbar ist, weil es einfach sehr, sehr viel regnet und dann Probleme bei der Ernte bereiten würde. Die Landwirte hätten ja hier, wenn es möglich gewesen wäre, schon seit Jahrtausenden Ackerland draus gemacht. Haben sie aber nicht, es ist Grasland. Und dieses Gras kann ich jetzt mit Wiederkäuern verwerten. Und es ist nicht nur das Gras, ich kann auch das Ackerland mit Wiederkäuern verwerten. Denn was machen wir denn mit dem Ackerbau? Wenn wir Getreide anbauen, dann ist das ja auch ein Gras. Und wir essen nur einen kleinen Teil von diesem Gras, das wir Weizen nennen oder Roggen oder wie auch immer. Das sind nur die Samen und der Rest, das ist Wiederkäuerfutter. Oder so ein Bio-Betrieb, wenn der Fruchtfolge macht, also wenn er seine Felder bewirtschaftet, reihum die verschiedenen Früchte anbaut, dann muss er dem Boden Erholung geben, macht sogenannte Gründüngung. Also ungefähr ein Drittel der ganzen Fläche von so einem Bio-Betrieb steht unter Gründüngung, von der Ackerfläche. Und was wächst darauf? Kleegras, Wiederkäuerfutter. Also das sind alles Futtermittel, die eigentlich für die Wiederkäuer gedacht sind. Und die Krönung der Lebensmittelerzeugung mit diesen faserreichen Futtermitteln, das ist die Milchkuh.
[11:03] Thema: Kreislaufwirtschaft und die Kuh als Veredlerin Tarik: Also Wilhelm, könnte man sagen, dass die Kuh pflanzlichen Abfall veredelt?
Wilhelm: Veredeln? Ja. Von Abfall würde ich nicht sprechen, weil es einfach die überwiegende Masse von agrarischen Produkten ist. Also wenn man zum Beispiel so ein Lebensmittel im Geschäft kauft, ein Kilogramm, dann haben wir ungefähr vier Kilogramm weitere Biomasse, die wir in der Landwirtschaft immer automatisch miterzeugen. Deshalb nicht von Abfall sprechen, sondern da muss ich einfach sagen, das ist ein Bestandteil der landwirtschaftlichen Produktion. Das ist einfach nicht essbar. Und diese nicht essbaren Gräser sind die Nebenprodukte der Lebensmittelerzeugung von Kleie bis Zuckerrübenschnitzel und so weiter. Das kann ich wunderbar über die Wiederkäuer in zusätzliche Lebensmittel verwandeln. Und ich produziere dabei Exkremente. Da drin sind Pflanzennährstoffe und die bringe ich wieder zurück.
[12:04] Thema: Das Spannungsfeld Klima und Mythen um die Milch Tarik: Auf jeden Fall. Achim, die KI hat auch bezogen aufs Klima und Kühe herausgespuckt, dass das schon auch ein echtes Spannungsfeld sei. Die Diskussion darüber ist nicht neu. Du hast ja auch ein Buch geschrieben. Den Titel habe ich ja vorhin schon verraten: "Böse Milch und guter Dinkel?". Ist denn die Milch jetzt am Ende des Tages böse und der Dinkel die Rettung für alles?
Achim: Das Thema ist viel komplexer. Warum wir den Buchtitel auch so gewählt haben, ist, weil da viele Mythen kursieren zum Thema Milch und Milch oft so als böse abgestempelt wird. Wenn man aber wirklich mal reinschaut in das, was es an Datenmaterial gibt, kann man nicht immer sagen gut, böse und so, das hast du ja auch gerade da sehr differenziert erklärt. Man kann nicht sagen, Milch ist per se schlecht. Natürlich, wenn jemand Laktoseintoleranz hat, muss er da aufpassen oder kann auch auf laktosefreie Milch und so weiter zurückgreifen oder auf alternative Produkte. Aber es ist schon so, dass Milch wirklich ein hochkomplexes Lebensmittel ist. Und da ist auch gleichzeitig immer wieder ein Vorwurf drin, dass man sagt, dass Milch ja diese Wachstumsfaktoren enthält. Und wenn man das so im Hinterkopf behält, dass Milch ein Lebensmittel ist, und zwar ein hochkomplexes, und nicht, was weiß ich, man einfach so jetzt mal literweise wegtrinkt, auch wenn du das gerne gemacht hast früher, direkt vom Bauernhof – das hab ich nämlich auch schon gemacht – sondern als wirklich komplexes Lebensmittel sieht ... Auch das wird immer wieder diskutiert, auch Kalzium und so, Milchprodukte sind ein super Kalziumlieferant. Natürlich brauchen wir noch zusätzlich Vitamin D, um das Kalzium auch bestmöglich aufnehmen zu können.
Tarik: Das besitzen wir in der Sonne.
Achim: Das besitzen wir in der Sonne, genau. Und wir haben dann im Zweifel beides. Und es muss ein Zusammenspiel sein. Natürlich ernährt man sich auch nicht nur von Milchprodukten. Das muss man auch dazu sagen. Dann haben wir den hohen Proteingehalt. Also du musst auf die wenigsten Milchprodukte "High Protein" draufschreiben. Das kannst du aber auf Quark und so weiter eindeutig draufschreiben oder auf einen alten gereiften Käse oder auf den Harzer. 30 Prozent Protein und das ist eigentlich so das Wertvolle.
[14:07] Thema: Methanemissionen und Futtereffizienz Tarik: Aber sowas von, vor allem hast du schon einen ganz guten Bogen geschlagen zum Thema High Protein, machen wir gleich. Eine Sache haue ich jetzt noch raus, und zwar: Es gibt ja auch Verbraucher:innen, die einfach sagen, pass mal auf Leute, Kühe stoßen Methan aus, weg mit der Kuh fürs Klima.
Wilhelm: Ja, das ist das Narrativ "Klima-Killer-Kuh". Ja, die Methanemission, das gehört zum Leben eines Wiederkäuers essenziell dazu. Diese Methanbildung, die steht am Ende dieses fantastischen mikrobiellen Ökosystems in den Vormägen, ganz am Ende. Und das ist sozusagen der Motor, die treibende Kraft in diesem komplexen System, wo die einen Mikroorganismen die anderen füttern. Und dabei Stoffwechselprodukte abgeben, von denen die Kuh dann lebt. Das heißt, ich muss es machen. Die Methanbildung, die ist zwingend notwendig und die schützt die Kuh davor, oder jeden Wiederkäuer davor, dass es Fehlgärungen gibt. Also ich muss das akzeptieren. Insofern ist natürlich die Methanbildung einer Kuh schon klimatisch ein Aspekt, den man ernst nehmen muss. Jetzt wird aber unglaublich viel drüber gesprochen und es werden Kalkulationen gemacht. Man nimmt einfach da die Standardkalkulation GWP 100 und rechnet es durch diese Standardkalkulationen. Die sind so simplifizierend, dass sie für den Durchschnitt der Methanemissionen von allen Methanquellen ganz gut passen, aber die spezielle Situation von Kühen in einer Kreislaufwirtschaft eigentlich schlecht abbilden. Deshalb lieber mal nachschauen, was denn Wiederkäuer sonst so in dem Gesamtsystem für Vorteile haben und dafür Sorge tragen, dass diese Methanbürde, die sie auf jeden Fall mitbringen, so klein wie möglich ist. Und der Schlüssel dazu ist Futtereffizienz. Letztendlich ist es die Frage, wie viel Milch kann dieser ganze Betrieb mit allem Drum und Dran, mit den trockenstehenden Kühen, mit dem Jungvieh, mit allem Drum und Dran, aus dem Futter machen. Und je mehr ich machen kann, desto weniger Methan habe ich pro Kilo Milch.
Tarik: Also du würdest sagen, lasst uns bitte über Methan sprechen, aber lasst uns das Ganze auch in Relation setzen. Was bringt es zum Beispiel, wenn die Kuh Gras, was wir als Menschen nicht essen können, in für uns wichtige Lebensmittel umwandelt, und dann da eine gesunde Bilanz machen und aber auf jeden Fall das Thema Methan auf dem Schirm haben?
Wilhelm: Auf dem Schirm haben, wir dürfen es nicht verleugnen und die Kuh ist auch nicht klimaneutral. Aber alle Alternativen sind auch nicht klimaneutral. Ich bin auch nicht klimaneutral.
[17:10] Thema: Der "High Protein"-Trend Tarik: Achim, du hast es gerade schon angeteasert, das Thema High Protein ist gerade ein Riesentrend. Man sieht es überall. Ich habe auch die KI mal zum Thema High Protein befragt: Braucht denn der Mensch überhaupt High Protein? Und die Antwort ist: Protein ja, Protein-Hype nein. Ist das mal eine gute Antwort?
Achim: Das ist absolut richtig. Das kommt auch immer drauf an, natürlich, wo man es einsetzt. Aber dass man schon auf eine gute Proteinversorgung achtet, ist schon essenziell und wichtig. Aber man braucht es nicht irgendwie aus konstruierten Lebensmitteln, sondern wir kriegen das eigentlich jeden Tag und ganz gut auf den Teller und auch in ausreichender Menge. Ich meine, das ging früher bei den Bodybuildern auch. Die haben auch ihre Proteinmenge auf den Tisch gekriegt und da spielen Milchprodukte schon eine große Rolle. Und wenn man sieht, wie das eigentlich definiert ist, also das ist sehr kompliziert. Wenn was als High-Protein im Handel stehen darf, dann müssen 20 Prozent der Energiemenge mindestens aus Protein sein. Das erreicht man wunderbar mit einem Quark oder mit einem Käse. Oder mit einem Harzer, der 30 Prozent Protein hat, das hatte ich ja schon gesagt, das sind wahnsinnig hohe Mengen. Und es ist wirklich schwer, das so eigentlich in ein konstruiertes Lebensmittel oder entwickeltes Lebensmittel zu kriegen. Also die normale Milch, die hat so, sagen wir mal, so 3,5 Prozent Proteine und dann geht es halt hoch bis Quark und so weiter, die dann schon sehr proteinreich sind. Also Kasein und das Molkenprotein, die haben eine sehr hohe biologische Wertigkeit, das heißt, dass man rein theoretisch auch eine hohe Menge an eigenem Protein daraus bilden kann. Und das ist das Milchprotein.
[18:52] Thema: Die Wichtigkeit des agrarischen Kreislaufs Tarik: Toll! Wir sind ja hier jetzt wirklich mittendrin, wir sind in keinem Studio und das ist ja auch aus einem guten Grund, weil wir eben auch so diesen agrarischen Kreislauf zeigen wollten. Wir haben irgendwie die Kühe, wir haben die Weiden, wir haben die Silos, wir haben den Traktor, wir haben auch den Gülleduft, der nicht wegzureden ist, aber eben auch für diesen Kreislauf sehr, sehr wichtig ist. Achim, wie wichtig ist denn dieser agrarische Kreislauf für unsere Ernährung auch?
Achim: Das kannst du am besten erklären, habe ich mir gedacht, als ich die Frage im Vorfeld gesehen habe. Also, da bist du Fachmann.
Tarik: Wilhelm, wie wichtig ist denn der agrarische Kreislauf für unsere Ernährung?
Wilhelm: Also, ich würde mal sagen, Landwirtschaft ist Kreislauf. Es ist Kreislauf. Ich hab schon gesagt, wir haben nur 20 Prozent von der ganzen Biomasse, die die Landwirte in Deutschland oder weltweit umtreiben. Also irgendwie in die Hand nehmen, mit Maschinen bearbeiten. Also alles, was man irgendwie fassbar machen kann. Nur 20 Prozent landet auf dem Teller. Und der Rest, der ist im Kreislauf. Wenn der nicht wieder zerfallen würde und wieder die Nährstoffe, der ganze Stickstoff, der Kohlenstoff, der Phosphor, das Kalium, das da drin ist, wenn es nicht wieder auf den Boden zurückgehen würde, hätten wir in zehn Jahren keine Ernte mehr. Landwirtschaft ist Kreislauf. Also Kreislauf ist eigentlich der Normalzustand. Es ist essenziell und ohne den geht es gar nicht. Wir müssen diesen Kreislauf eigentlich managen als Landwirte.
[20:25] Thema: Pflanzliche Alternativen und Biomasse-Verwertung Tarik: Und trotzdem wird es jetzt Leute geben, die sagen, wir ersetzen jetzt Milch durch Haferdrinks zum Beispiel und damit wäre die Klimabilanz der Landwirtschaft gerettet.
Achim: Ich kann das nur von den Inhaltsstoffen sehen, da ist die Milch natürlich schon ein komplexeres und wertvolleres Lebensmittel. Ich kann es natürlich nachvollziehen, dass jemand sagt, er verzichtet auf tierische Produkte und so, da habe ich auch größtes Verständnis für. Da ist die Hafermilch zumindest geeignet, aber hat halt bei weitem nicht ... oder sagen wir mal Milch, man darf gar nicht von Milch sprechen, sondern es ist ein Drink. Hat da auch ihre Berechtigung, aber kommt halt mit den Inhaltsstoffen der Milch nicht nach. Und was das Thema Nachhaltigkeit angeht: Ich glaube, da bist du auch wieder der Experte für, wie die Rechnung dann am Ende aufgeht. Aber ich kann es nachvollziehen, von den Inhaltsstoffen eigentlich nicht vergleichbar mit der Milch.
Wilhelm: Letztendlich kommt es darauf an, dass wir nicht in Kategorien von Milch- oder Hafer- oder Sojadrink reden, sondern wir müssen uns überlegen: Da ist eine Fläche. Ich will mit dieser Fläche möglichst viele Menschen ernähren. Und wie teile ich das jetzt auf? Wie viel Ackerbau mache ich? Wie viel kann ich direkte pflanzliche Nahrung gewinnen? Vielleicht auch den Haferdrink? Ist in Ordnung. Aber ich muss mir immer Gedanken machen, was mache ich mit dem Rest? Und auch den Rest, den muss ich verwerten. Also Haferdrink und Kuhmilch sind keine Gegner, sondern die sind eigentlich Partner. Eine Familie.
Tarik: Eine Familie.
Wilhelm: Eine Familie, und es geht darum, die Biomasse in einer Kaskade möglichst umfassend zu nutzen. Wir müssen aufpassen, wir polarisieren immer gegeneinander. Eigentlich müssen wir gucken, wie können wir diese einzelnen Elemente da reintun? Und das Entscheidende an der Verwertung dieser Biomasse ist, dass wir Transformatoren brauchen. Wir brauchen Transformatoren, die nicht Essbares in Essbares überführen. Das sind zum Beispiel Wiederkäuer. Aber es ist keine Extraktionsmaschine, die aus einem Soja ein Sojaprotein extrahiert. Die transformiert nicht, die tut nur extrahieren. Sie tut nur trennen. Also Wiederkäuer können tatsächlich transformieren, nicht Essbares in Essbares. Aber auch Mikroorganismen können das. Oder Pilze können das. Also das sind auch Möglichkeiten und die könnten tatsächlich mal mit Wiederkäuern in einer gewissen Konkurrenz stehen oder Wettbewerb um die beste Nutzung der Biomasse.
[23:02] Thema: Nährstoff-Kombi und Food-Tipp Tarik: So, wir haben jetzt so viel über Essen gesprochen, also ich habe Hunger. Deswegen meine letzte Frage an dich, Achim: Hast du denn einen Food-Tipp für mich, aber natürlich auch für die Hörer:innen und ja auch mittlerweile Zuschauer:innen, wie sie eine perfekte Nährstoff-Kombi aus Milchprodukten in einem Gericht zaubern können?
Achim: Also ich bin ein großer Fan von Fermentieren, also von Fermentiertem, also wenn du eine Buttermilch trinkst, ganz klassisch, das noch kombinierst mit einer Pellkartoffel, so wie man das früher gegessen hat, dann hat man eine sehr hohe biologische Wertigkeit. Nur, man sollte die Buttermilch, oder wenn man was fermentiert hat, nicht erhitzen. Man hat lebende Kulturen da drin. Und wenn man es eben erhitzt, dann sterben die. Und dann ist eigentlich die lebende Besiedlung, die man damit haben könnte, eigentlich wieder dahin. Also das sollte man sich dabei merken. Weil wir haben noch so eine Passage, also die Magen-Darm-Passage mit mehr Magensäure und so weiter, wo dann auch noch mal ein Teil davon auf der Strecke bleibt. Deshalb geht es immer darum, möglichst viel davon reinzukriegen. Also ähnlich wie bei den Kühen haben wir auch ein Mikrobiom, also die Darmflora, die wichtig ist. Und da kann ich schon sagen, dass wir schon versuchen sollten, also über ballaststoffreiche Lebensmittel, Vollkornprodukte und so, und über die lebenden Kulturen, also gerade fermentierte Produkte ... Da spielen die schon eine große Rolle und man sollte schon drauf achten, dass man gut mit versorgt wird. Cool.
[24:20] Thema: Outro und Verabschiedung Tarik: Vielen Dank für diesen Food-Tipp allgemein. Vielen Dank überhaupt, dass du mit dabei bist, Achim, heute. Und natürlich auch vielen Dank an dich. Ihr Lieben, das war unser zweiter Videopodcast von Let's Talk Milch. Dieses Mal zum allerersten Mal direkt auf der Wiese mit Kühen im Hintergrund, die wirklich zuckersüß sind und sich auch ganz gut eingechillt haben. Also ich glaube, die mögen uns auch ganz gerne. Und was ich gelernt habe, ist natürlich wie immer eine ganze Menge, vor allem, dass man nicht einfach sagen kann 'Kuh ja' oder 'Kuh nein', sondern dass man da eben differenziert drauf gucken soll und dass es um ein sehr faszinierendes Zusammenspiel von Kühen und Grünland geht und welchen Effekt auch die Futtermischung auf die Milchproduktion bei Kühen hat. Die Kuh ist, machen wir uns mal gar nichts vor, eine Bio-Veredlerin, denn sie kann aus etwas, was wir nicht essen können, etwas ganz Wunderbares zaubern, wie z. B. Milch für Käse, für Kefir. Und in diesem Sinne: Mehr Wissen und Fun-Facts, die gibt's natürlich bei uns auf unserem Insta-Kanal 'Milch macht's', also schaut da gerne mal vorbei. Hört euch gerne die anderen Folgen an, jetzt ja auch zum Anschauen, und bleibt natürlich kritisch und neugierig. Bis ganz bald, ciao! [Podcast-Musik]
„Ich brauche jetzt nicht spezielle High-Protein-Produkte, wenn ich einen Harzer Käse mit 30 Prozent Protein pro 100 Gramm essen kann.”
Achim Sam
Der Ernährungswissenschaftler und Bestsellerautor teilt sein Wissen u. a. im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Darüber hinaus gehört er zu den bekannten Stimmen im deutschsprachigen Podcast-Bereich. Er ist Host von mehr als 300 Episoden zum Thema Ernährung – darunter auch mehrfach ausgezeichnete Formate. In seinem aktuellen Buch „Guter Dinkel – böse Milch?“ klärt er über Milch-Mythen und Ernährungstrends auf. Im Podcast geht er der Frage nach, wie die Nährstoffe in die Milch gelangen und erklärt, was die Milch-Matrix für unsere Ernährung bedeutet. Denn für ihn sind Milch und Milchprodukte wertvolle Nahrungsmittel, die zu einer ausgewogenen Ernährung gehören.
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Der promovierte Agrarwissenschaftler war von 2002 bis 2010 Professor für Tierernährung an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und lehrte bis 2022 an der Technischen Universität München. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Ernährung landwirtschaftlicher Nutztiere und der Rolle von Tierernährung in natürlichen Kreisläufen. Er zeigt auf, welche zentrale Rolle Wiederkäuer:innen wie Kühe und die Art ihrer Fütterung bei der Umwandlung von Pflanzenresten in Milch einnehmen und wie sie so einen natürlichen Kreislauf erhalten.
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Der Moderator und Podcaster ist bekannt aus dem Online-Format „Jäger & Sammler“ im ZDF und der Talkshow „deep und deutlich“ im NDR. Im Podcast „Tratsch & Tacheles“ spricht er mit der Moderatorin Hadnet Tesfai offen und ehrlich über die latest News aus der Popkultur. Mit seinen glamourösen Fashion-Statements auf seinen Social-Media-Kanälen gilt Tarik als der deutsche Billy Porter.


