Podcast #15
Technik und Tiergesundheit, Kühe und Klimaschutz, Ökonomie und Ökologie – Nachwuchs-Landwirt:innen wollen vermeintliche Gegensätze zukünftig in Einklang bringen. Wie ihnen das gelingt? Darüber diskutieren zwei Milch:bäuerinnen, eine Journalistin und ein Zukunftsforscher.
Umweltschutz und Digitalisierung sind in aller Munde, ob in der Mode, beim Reisen oder in der Ernährung. Doch wusstet ihr, dass auch die Milchwirtschaft in diesen Bereichen große Fortschritte macht? Die Zukunft der Milch beginnt auf den Höfen, so viel ist klar. Aber mit welchen Maßnahmen begegnet die Branche den aktuellen Herausforderungen? Wie tritt die nächste Generation der Landwirt:innen in den Dialog mit den Verbraucher:innen? Fragen wie diese haben wir unseren jungen Expert:innen gestellt: Milchwirtin Philomena Mögele, Milchwirt Tobias Honvehlmann, Journalistin Maria Popov und Zukunftsforscher Tristan Horx. Anlässlich des „Tags der Zukunft“ warfen sie einen Blick nach vorn und sprachen über Themen wie Berufswahl, technische Tools und Perspektiven in der Landwirtschaft. Kleiner Spoiler: Da tut sich einiges. Warum sich Kühe auch mal „Süßigkeiten” gönnen dürfen und was das Ganze mit „Robbi” auf sich hat, hört ihr hinter dem Play-Button.
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Podcast: Milchwirtschaft meets Zukunft – jetzt anhören!
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[00:00] Thema: Intro und Vorstellung der Gäste
[Podcast-Musik]
Tarik: Willkommen bei Let's Talk Milch, dem Podcast der Initiative Milch. Wisst ihr, was Sterneküche, Celebrities, Jungbäuerinnen, Food-Start-ups und Latte-Art-Künstlerinnen vereint? Ich bin Tarik und verrate es euch hier bei Let's Talk Milch. Hi und herzlich willkommen beim Podcast Let's Talk Milch von der Initiative Milch zum Thema "Milchwirtschaft meets Zukunft". Die junge Generation übernimmt. Mein Name ist Tarik und ich freue mich sehr auf diesen Talk heute. Wir feiern den Tag der Zukunft und deswegen stehen bei uns heute junge Landwirtinnen im Fokus und ich will wissen: Welche neuen Konzepte gibt es in der Landwirtschaft und wie schaut eigentlich eine nachhaltige und zukunftsfähige Milchwirtschaft aus? Denn Fakt ist, auch die Landwirtschaft ist im stetigen Wandel und muss sowohl im Bereich Fortschritt als auch beim Thema Nachhaltigkeit up to date sein. Die junge Generation auf den Milchhöfen hat sich dabei zum Ziel gesetzt, vermeintliche Gegensätze miteinander zu verbinden: Technik und Tierwohl, Kühe und Klimaschutz, Ökonomie und Ökologie. Puh, kann das alles überhaupt gelingen? Und wenn ja, wie? Ich freue mich sehr auf meine Gästinnen, denn die wissen das natürlich bestens. Schön, dass ihr da seid!
Alle Gäste durcheinander: Hallöchen. Hallo. Hi.
Tarik: Ich freue mich sehr über Philomena Mögele, Tobias Hundfmann, Maria Popoff und Tristan Horx. Und ich würde mal sagen, ich stell euch mal flott vor und würde mir wünschen, dass ihr mir in der Vorstellung auch direkt eine Frage beantwortet. Ich fange mal an mit Philomena Mögele. Du machst eine Ausbildung zur Landwirtin. Du absolvierst ein Studium in Landwirtschaft und du engagierst dich als bayerische Prinzessin. Ich frage mich, wo ist deine Krone?
Philomena: Ja, meine Krone, die habe ich ehrlich gesagt noch in meinem Koffer, weil wir ja heute im Studio sitzen und da keine Fotos und Videos entstehen, aber die habe ich natürlich dabei.
Tarik: Dabei, sehr gut. Darf ich die nachher wieder draufmachen?
Philomena: Ja, auf jeden Fall.
Tarik: Ah, die stand mir so gut, Leute. Wirklich. Ich hatte ja schon die Krone drauf und die steht mir außerordentlich gut.
[03:15] Thema: Wie tickt die Gen Z? (Das Emoji-Spiel)
Tarik: Philomena, die erste Frage, die nachher alle beantworten dürfen. Ich geb es ja ehrlich zu: Ich bin ein Boomer, gefangen in dem Körper eines sehr jungen und attraktiven Menschen. Und ich will aber wissen, wie tickt denn diese Gen Z? Deswegen habe ich mir gedacht, wenn du an die Gen Z denkst, welches Emoji ploppt dann bei dir auf?
Philomena: Also ganz offensichtlich einfach das Smartphone-Emoji, weil wir ja sehr viel in unserem Leben über unser Smartphone regeln. Wir machen da unsere privaten Connections, also über Social Media, wir unterhalten uns da, wir schauen, was machen die anderen gerade so, aber wir regeln da auch unsere Ausbildungen. Wir haben da ganz viel einfach aus Studium, Schule drauf. Wir haben aber natürlich dann auch Geschäftliches drauf, die, die schon in der Arbeitswelt unterwegs sind. Man ruft seine E-Mails ab, also man hat eigentlich alles vernetzt auf seinem Smartphone.
Tarik: Okay, gut. Ein Smartphone habe ich auch. Das heißt, in dem Punkt kann ich mit der Gen Z mithalten. Wir machen weiter mit Tobias Hundfmann. Du bist Landwirt und Ingenieur. Du bist auf dem Familienbetrieb deiner Eltern mit dabei. Ihr habt dort über 120 Milchkühe. Das Ganze ist in Nordrhein-Westfalen. Liebe Grüße gehen raus, ich komme aus Nordrhein-Westfalen. Tolle Gegend, und on top bist du auch noch Agrar-Scout. Ich will auch von dir wissen: Wenn du an die Gen Z denkst, welches Emoji ploppt dann bei dir auf?
Tobias: Für mich ist eigentlich das Emoji mit dem breiten Grinsen, mit dem Zähne zeigen, am relevantesten, weil ich denke, es sind Zeiten zurückgekommen, wo nie einer mit gerechnet hat. Also schwierige Zeiten, sowohl für unsere Nachbarländer, es ist ein Krieg ausgebrochen, und da muss man doch eine, finde ich, positive Grundmotivation beibehalten, und das ist ganz wichtig, dass wir in dieser Generation, dass wir weiterhin mit einem stolzen Grinsen auch durch die Straßen gehen und positiv nach vorne blicken. Also dieser positive Blick ist mir da besonders wichtig.
Tarik: Das gefällt mir sehr gut. Maria Popoff, du bist Journalistin, Moderatorin und Podcasterin. Viele kennen dich bestimmt als Moderatorin vom Funk-Format "Auf Klo". On top hast du aber auch gerade einen neuen Podcast und der heißt "Stand der Dinge". Du bist auf Social Media unterwegs, dich interessieren sehr, sehr viele Themen: Popkultur, aber auch Feminismus. Also wenn jemand weiß, wie diese jungen Menschen ticken, dann bist du das. Und deswegen will ich auch von dir wissen: Welches Emoji passt zur Gen Z?
Maria: Ich kann direkt an den Lach-Smiley anknüpfen, weil ich habe das Gefühl, ich darf von der Gen Z – zu der ich eigentlich nicht mehr gehöre, aber im Herzen schon, weil ich sehr viel mit ihnen zusammenarbeiten kann und für sie arbeiten kann und Inhalte kreieren darf –, dass ich sehr viel davon gelernt habe, von dieser positiven Einstellung. Was ich total auch fühle, ist, dass es in schweren Zeiten gerade diese Generation, die auch durchs Internet – und ich zähle mich mit dazu – mit vielen auch total schwierigen Themen konfrontiert worden ist. Gerade wenn es um Gleichberechtigung geht, das ist manchmal so ermüdend, ich habe da auch dann nicht Bock drauf und deswegen wähle ich den Clown-Emoji, weil der lacht, aber eigentlich denkt er sich auch so: What the f***.
Tarik: Okay, wir machen weiter, und zwar mit Tristan Horx. Du bist Zukunftsexperte, dein Vater Matthias Horx hat '98 das Zukunftsinstitut gegründet und das prägt bis heute die Themen Forschung, Zukunft und alles, was dazu gehört. Du bist Vertreter der Gen Z und beschäftigst dich mit den Themen Digitalisierung, New Work und Nachhaltigkeit. Auch an dich die Frage: Welches Emoji passt zur Gen Z?
Tristan: Das Emoji, das ich nehmen würde, vielleicht auch um an dich als Boomer ein bisschen anzuknüpfen, ist das Daumen-hoch-Emoji, weil es sehr schön zu sehen ist, wie das verschiedene Generationen unterschiedlich lesen. Also, wenn ich und wenn die Generation Z das sieht, dann heißt das nicht "Okay, passt", sondern das ist eigentlich eher schon passiv-aggressiv in der Wahrnehmung. Also, wenn man dem Chef zum Beispiel irgendwas schickt und nur das Daumen-hoch-Emoji kriegt, denkt man gleich: Oh, irgendwas ist schiefgegangen. Während die Boomer das als ein ganz normales "Okay, passt schon" meinen. Und da finde ich auch ganz schön, kann man sehen, wie die verschiedenen Generationen doch auch manchmal sehr andere Sachen mit verschiedenen Emojis assoziieren.
[08:45] Thema: Berufswahl und Wege in die Landwirtschaft
Tarik: Okay, nice. Philomena, war dir schon immer klar, dass du Bock darauf hast, in die Landwirtschaft einzusteigen?
Philomena: Also, nee, kann ich ehrlich sagen. Es war nicht immer so klar. Klar, als Kind, wenn man bei den Eltern dabei ist und die Tiere sieht und so, dann denkt man sich: Klar, mache ich so das Gleiche, was meine Eltern machen, da findet man das super. Aber dann gerade so in der Pubertät, keine Ahnung, zwischen 12, 14, 15, dann denkt man sich: Ja, okay, meine Freunde, die interessieren sich für ganz andere Sachen. Und da wird es dann auch uncool, wenn man jetzt nicht gerade Freunde hat, die eben da unterwegs sind in dem Bereich. Und ja, das kam dann eigentlich erst mit der Zeit wieder, mit keine Ahnung, 15, 16, dass ich mir dann dachte: Okay, da steckt ja wirklich was dahinter und das ist spannend und da kann man ganz viel draus machen.
Tarik: Und sag mal, wolltest du denn schon immer Prinzessin werden?
Philomena: Ja klar, jedes Mädchen möchte doch Prinzessin werden. [lacht]
Tarik: Nicht nur die Mädchen. Liebe Philomena, Prinzessin ist ein geiler Beruf. Tobias, wie war das denn bei dir?
Tobias: Ja, ich bin ja aufgewachsen mit Spielzeugtraktoren und Schleich-Tieren, wer die kennt, und das im Haus und draußen natürlich dann mit echten Traktoren und echten Kühen. Und eigentlich war da schon der Grundstein gelegt und die Leidenschaft da schon entfacht für die Landwirtschaft.
Tarik: Tobias, man kann ja Landwirtschaft auch studieren. Wie kann ich mir das vorstellen?
Tobias: Ja, ich habe auch Landwirtschaft studiert. Und zwar ist das wie viele andere Studiengänge, man hat ein großes Überthema, man hat viele unterschiedliche Module, die man wählt. In den ersten Semestern ein Grundstudium, was letztendlich ja, meiner Meinung nach ein besseres Abitur ist. Also Physik auf LK-Niveau, Chemie auf LK-Niveau, Biologie auf LK-Niveau, Mathematik auf LK-Niveau. Das sind Grundzüge erstmal des Studiums.
Tarik: Warum muss man Mathe auf LK-Niveau haben?
Tobias: Weil in der Landwirtschaft sehr, sehr viel auch mathematisch berechnet wird.
Tarik: Taschenrechner.
Tobias: Ja, aber die Art der Berechnung oder die Auswertung von Daten über Statistik ist da ganz essenziell. Und so beginnt das landwirtschaftliche Studium und ja, später in der Vertiefung kann man sich dann auf die Themen fokussieren, die einem selber besonders auch am Herzen liegen. Zum Beispiel dann die Tierernährung, der Ackerbau. Wenn man möchte, aber auch im Bereich der Kommunikation, dass man ist als Landwirt natürlich auch Betriebsführer, Betriebsleiter und hat auch Mitarbeiter da zu führen und dann sollte man sich auch in dem Bereich weiterbilden. Und das ist eigentlich immer ganz spannend, weil die meisten, die es nicht kennen, dass man Landwirtschaft studieren kann, haben mich zunächst gefragt: "Wie, du studierst Landwirtschaft?" Die meisten fragen sogar: "Man braucht eine Ausbildung, um Landwirt zu sein? Man wohnt doch auf dem Hof!" Und ja, der Beruf ist so vielseitig und so komplex und das wird echt total unterschätzt.
[12:20] Thema: Arbeitsalltag und digitale Tools auf dem Hof
Tarik: Und sag mal, wie kann ich mir so einen Tag bei dir vorstellen und auch welche Rolle spielen denn digitale Tools wie zum Beispiel ein Smartphone dabei?
Tobias: Also, der Tag fängt ja inzwischen gar nicht mehr ganz so früh an. Wir haben jetzt seit einem Jahr einen Melkroboter. Dadurch sind wir von unseren Arbeitszeiten relativ flexibel in unserem Tun und wenn der Samstagabend dann auch mal länger war, dann brauchen wir sonntagsmorgens nicht um 6 Uhr aufstehen. Ansonsten ist trotzdem meine persönliche Aufstehenszeit 6:30 Uhr, dann scrolle ich erstmal eine halbe Stunde durchs Handy und lass mich vielleicht auch in so die eine oder andere Reel- oder Shorts-Schleife einbinden...
Tarik: Während der Arbeit?
Tobias: Morgens, wenn ich noch im Bett liege.
Tarik: Aha, ich wollte schon sagen.
Tobias: Und ja, danach eine halbe Stunde oder Stunde mache ich ein bisschen Sport und dann fahre ich zum Betrieb und dann geht's los. Und der Arbeitstag an sich ist ja immer unterschiedlich und kann auch mal länger dauern, je nachdem, was ansteht. Und durchschnittliches Arbeitsende würde ich sagen, ist irgendwo zwischen 19 und 21 Uhr.
Tarik: Philomena, kennst du das, dass der Beruf unterschätzt wird, weil du hast es ja auch studiert?
Philomena: Genau, ich bin gerade selber im Landwirtschaftsstudium noch mittendrin und ja, ich kann das auf jeden Fall verstehen. Das überrascht tatsächlich viele Menschen, wenn man sagt: "Ja, ich studiere jetzt Landwirtschaft." Wie eben, da braucht man eine Ausbildung, da kann man sich weiterbilden. Allerdings haben wir den Landwirt tatsächlich als so komplexen Beruf heutzutage, dass man wirklich auf ganz vielen Gebieten Profi sein muss. Und was auch einen ganz besonderen Stellenwert hat in dieser landwirtschaftlichen Ausbildung, auch im Studium, ist eben der praktische Anteil. Also Landwirtschaft lebt eben von der praktischen Arbeit und in meinem Studium zum Beispiel sind wir auch tatsächlich auf dem Feld oder im Stall immer wieder und schauen uns an: Wie sieht das tatsächlich aus? Man kann auch dual Landwirtschaft studieren. So mache ich's jetzt. Da hat man tatsächlich die komplette Berufsausbildung auch noch mit dabei und bekommt auch noch mal einen ganz anderen Blickwinkel auf sein Fach. Und also, ich kann das wirklich jedem empfehlen. Da lernt man einfach von Grund auf die Verhältnisse in der Landwirtschaft.
Tarik: Maria und Tristan, wie war das bei euch? Stichwort Berufswahl. Tristan, wolltest du schon immer Zukunftsforscher werden?
Tristan: Na, wie sich das gehört, wollte ich das auf gar keinen Fall. Eine ganz lange Zeit. Und es ist dann, wie es so oft so ist, gerade wenn man versucht zu rebellieren, merkt man irgendwann, man hat dann doch – das ist bei euch wahrscheinlich auch so – eine Menge Erfahrung eigentlich schon in diesem Beruf gesammelt, auch wenn man noch keine Sekunde darin gearbeitet hat. Und dann habe ich mir irgendwann gedacht, es wäre doch eigentlich eine Menge verschwendetes Potenzial, wenn man sich mal ausprobiert. Und dann, wie so viele Berufe, die man gerne macht, macht er dann auch irgendwann süchtig und deswegen mache ich ihn noch.
Tarik: Maria, du hast gerade laut gestöhnt, als Tobias gesagt hat, dass er um 6:30 Uhr – was anscheinend nicht ganz so früh sein soll – aufsteht. Das heißt, wolltest du früher wahrscheinlich keine Landwirtin werden, oder?
Maria: Also, ich bin zwar ein Morgenmensch, bezeichne ich mich selber, aber 6:30 Uhr... uh. Das ist ganz schön heftig. Nee, mein Morgen beginnt anders und das hätte ich mir aber vor zehn Jahren auch nicht erträumen können, wie mein Tag jetzt beginnt, so als Selbstständige. Da sitze ich schon auch manchmal im Schlafanzug mit dem ersten Kaffee am Laptop. Auf jeden Fall.
Tarik: Und ich muss dich nicht fragen, aber ich tu es trotzdem: Ein Job in deiner Welt ohne Social Media wäre nicht möglich, oder?
Maria: Der wäre ganz anders. Also ich glaube, es gibt viele Journalistinnen, die sich ganz bewusst gegen das Internet entscheiden. Ich frage mich zwar, was die dann in 20 Jahren machen, und das ist auch ein Problem, dass in den Medien noch krass zwischen digitalen und nicht-digitalen Medien unterschieden wird. Für mich: undenkbar.
Tarik: Philomena und Tobias, wenn jetzt junge Leute zuhören und sich denken: Ich find's super spannend, ich möchte vielleicht auch Landwirt:in werden. Philomena, welche Tipps hast du parat?
Philomena: Also, man muss auf jeden Fall offen für ganz viele Dinge sein, weil ein Landwirt, der beschränkt sich ja nicht nur auf eine Tätigkeit, sondern der ist ja gleichzeitig jemand, der mit Maschinen arbeitet, auch die Maschinen teilweise reparieren können muss, dann arbeitet man mit Tieren, man arbeitet mit Pflanzen. Man muss auch betriebswirtschaftlich denken können, wenn man selber einen Betrieb leitet. Das ist natürlich ganz wichtig und auch selber Management beherrschen. Man muss ganz viele Dinge gleichzeitig regeln und das sind dann schon mal gute Voraussetzungen, wenn man sich für ganz viele Dinge interessiert.
Tarik: Tobias, hast du noch ein paar Tipps parat, wenn jetzt jemand denkt: Ja, da habe ich auch Lust drauf?
Tobias: Also, ich würde die Person auf jeden Fall erstmal einladen, mal ein Praktikum zu machen. Zwei Tage, zwei Wochen, ganz egal.
Tarik: Da verlieren wir schon die Hälfte wahrscheinlich, ne? [lacht]
Tobias: Kann sein. Allerdings haben wir auch ganz viele Praktikanten schon bei uns auf dem Betrieb gehabt, die gar nicht aus dem Bereich kommen, wo die Eltern auch gar nichts mit Landwirtschaft zu tun haben, die aber riesengroßes Interesse daran hatten, mit Maschinen und mit Tieren zusammenzuarbeiten. Und ja, bei einigen Praktikanten hat sich da auch nachher eine Ausbildung draus entwickelt und ich denke, das ist ja eine super Erfahrung. Dafür sind Praktika ja auch da.
[19:50] Thema: Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft in der Praxis
Tarik: Ich habe es gerade schon gesagt, die Landwirtschaft und auch die Milchwirtschaft ist im stetigen Wandel. Landwirt:innen setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit und Innovation und da gibt's immer noch viele offene Fragen. Wir hatten auch auf der Grünen Woche eine sogenannte Voice Box, wo die Verbraucher:innen uns Fragen stellen konnten, die wir dann von Landwirt:innen, von Expert:innen beantwortet haben. Und da ging es viel um das Thema Tierwohl und wie das Ganze denn mit Nachhaltigkeit zusammenpassen kann. Philomena und Tobias, ihr seid aus der Praxis. Welche Rolle spielt denn Nachhaltigkeit bei dir, Tobias, auf dem Hof und kannst du mir da konkrete Beispiele nennen?
Tobias: Also Nachhaltigkeit spielt für uns eine riesengroße Rolle, weil letztendlich beschreibt Nachhaltigkeit ja das Wirtschaften mit dem Ziel, dass das, was man tut, weiter Fortbestand hat und dass man für die kommenden Generationen auch noch eine weiterhin lebenswerte Umwelt hinterlässt. Und das ist immer ein Einklang aus der Ökologie, der Ökonomie und dem Sozialen. Und die drei Aspekte, die muss man da in dem Bereich auch ganz, ganz stark hervorheben. Und wenn wir es schaffen, die Nachhaltigkeit zu steigern, dann schaffen wir es ja, dies zugunsten der Ökologie zu tun. Also zugunsten der Umwelt, dies aber auch zugunsten der Ökonomie zu tun, also im besten Fall dann des Produzenten, dass der ökonomischer wirtschaftet, und das Ganze sollte dann auch noch sozialverträglicher werden. Und wenn man die drei Punkte erfüllt, dann hat man eine gesteigerte Nachhaltigkeit. Und das sollte eigentlich bei jeder Produktion in allen Bereichen immer unser Ziel sein. Und deswegen ist es auch in der Landwirtschaft bei uns zu Hause auf dem Betrieb ein Ziel, nachhaltiger zu werden, weil ich möchte meinen Kindern auch eine lebenswerte Zukunft bieten.
Tarik: Philomena, deine Eltern haben ja auch einen Betrieb, du bist aber durch die Ausbildung auch auf vielen anderen Betrieben unterwegs. Welche Beispiele hast du da parat, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit und auch Milchwirtschaft geht?
Philomena: Ja, die Nachhaltigkeit ist jetzt gerade ein immer großes Thema und zum einen kann man das natürlich durch neue Technik erreichen. Man kann zum Beispiel verschiedene Sensortechniken einsetzen, gerade in der Kuhhaltung, dass man erkennt: Okay, mit dem Tier, wenn es vielleicht mal krank wird, da stimmt irgendwas nicht. Dann kann man da vorbeugend schon dran arbeiten. Also das begünstigt natürlich auch das Tierwohl dann. Und ich glaube, dann geht's auch um den gesamten Betrieb, dass man da Kreisläufe schafft. Also, es entsteht ja Gülle, das sogenannte Wirtschaftsdünger bei der Milchhaltung, den man dann wieder ausbringt auf seine Felder. Also man versucht das alles in einem Kreislauf zu halten. Und jetzt konkret bei mir daheim auf dem Betrieb haben wir zum Beispiel eine Biogasanlage, die wird mit dieser Gülle hauptsächlich betrieben. Dadurch kann man natürlich noch Strom erzeugen als Nebenprodukt und auch Wärme. Und das ist für mich Nachhaltigkeit, wenn wir ein Nebenprodukt haben und aus dem zusätzlich noch Nutzen rausholen können.
Tarik: Tristan, wenn du an das Thema Nachhaltigkeit, Zukunft und Landwirtschaft denkst, was sind vielleicht auch neue Innovationen, die gerade schon gelebt, ausprobiert werden oder auch gerne: Was wird es in den nächsten zehn Jahren bei dem Thema geben?
Tristan: Also grundsätzlich sehen wir, wir betreiben immer so Analysen darüber, wie viel mehr Produktivität kann man in verschiedenen Branchen erstellen durch neue Technologien, Künstliche Intelligenz vor allem momentan das Thema. Und dann sieht man, der Agrarbereich ist in den Top 3 ganz weit oben. Also da geht eine ganze Menge. Also das gibt's ja mittlerweile schon von... also vielleicht so bei Feldern, dass man mit Drohnen scannt und dann auch die Traktoren von selbst fahren lässt. Und zum Thema Nachhaltigkeit in dem Kontext würde ich sagen, es gibt eigentlich... also [unverständlich] an die Natur kommt der Mensch kaum ran. Ja, und diese ganzen Kreislauf-Thematiken, die ganz oft diskutiert werden, gerade im industriellen Kontext, die gibt's im Agrarbereich schon seit Ewigkeiten. Also allein das Beispiel Gülle, ja, also das kennen wir ja schon seit eh und je, auch das Prinzip Dünger und so weiter, sind ja die Urformen der Kreislaufwirtschaft. Und da sieht man gelegentlich auch mal, wie vielleicht so alte Kulturformen doch manchmal auch ganz sinnvoll sind und man nicht alles immer mit endlos mehr Technologie lösen muss, sondern vielleicht manchmal nur schauen muss: Was haben wir denn schon etabliert? Weil wir als Menschheit wären nicht bis an den jetzigen Punkt gekommen, wenn wir nicht einigermaßen nachhaltig wären.
[26:40] Thema: Digitalisierung, Melkroboter und Tierwohl
Tarik: Maria, du bist ja auch Verbraucherin. Jetzt hast du hier zwei Landwirte. Hast du vielleicht auch noch eine Frage parat, gerade wenn es um das Thema Nachhaltigkeit, Milchwirtschaft geht?
Maria: Wie schön. Ja, ich merke besonders im Internet, dass wir da natürlich auch leider, muss ich sagen, eine polemisch geführte Debattenkultur haben. Sind häufig sehr laute Stimmen, die dabei am meisten Gehör finden und dabei sind so Basics manchmal gar nicht geklärt. Was bedeutet das, wenn Menschen diese Kritik üben überhaupt?
Philomena: Also, wir haben ja immer die Diskussion zum Beispiel über die Fütterung von Kühen, dass die ja doch sehr nicht nachhaltig sei. Allerdings haben wir ja als Grundfuttermittel das Gras, das wir den Kühen füttern, und das Grünland, wo das Gras wächst, ist sehr wertvoll eigentlich fürs Klima. Also wir können da unheimlich viel CO2 speichern und wir verfüttern auch Nebenprodukte. Und so können wir eben aus Reststoffen und dem Grünland, was ja ökologisch sehr wertvoll ist – deswegen möchten wir das natürlich auch nicht zu einem Acker umwandeln – können wir tatsächlich ein hochwertiges Lebensmittel für uns Menschen rausholen. Und da versucht natürlich jeder Betrieb auch im Kreislauf zu wirtschaften. Und von dem her finde ich diese Kritik, dass wir da nicht auf Nachhaltigkeit achten würden, sehr schwierig, weil wir eben sehr an der Kreislaufwirtschaft orientiert sind.
Tarik: Lasst uns gerne noch mal der Frage nachgehen, inwieweit Digitalisierung oder technische Tools dabei helfen, dass es auch dem Tier besser geht. Tobias, du hast ja den Melkroboter, was ich ja so ein krasses Wort finde. Ich habe mir schon in den vielen Folgen, die wir hier in diesem Podcast machen, überlegt: Wie kann man den Begriff Melkroboter sexy machen?
Tobias: Also, erstmal, wir nennen den Melkroboter meistens Robby.
Tarik: Süß, das gefällt mir. Robby, das finde ich süß.
Tobias: Ja. Ähm, der hilft uns ganz enorm dabei, das Tierwohl zu steigern, weil der uns mit einer Flut von Daten versorgt. Sobald die Kuh in den Melkroboter geht, wird das Halsband ausgelesen. Da wird dann ausgelesen: Was hat die Kuh für ein Fressverhalten, für ein Liegeverhalten, für ein Bewegungsmuster? Und danach wird die Kuh ja gemolken und dabei wird sofort on demand festgestellt: Wie sind die Milchinhaltsstoffe, wie ist der Fettgehalt, der Eiweißgehalt, die Milchtemperatur? Und die Daten werden aufgezeichnet und gesammelt und der Computer zählt eigentlich schon diese unterschiedlichen Parameter zusammen und versucht daraus einen Gesundheitswert zu bilden oder auch einen Krankheitswert. Und wenn eine Kuh dann von der einen auf der anderen Melkung dann andere Werte aufweist, dann ist das für uns schon mal ein Anzeichen: Vielleicht stimmt da was nicht. Ich schaue mir die Kuh an, gehe zur Kuh hin, und entweder sieht man der schon an, dass da was nicht stimmt, und dann untersucht man die Kuh, oder vielleicht ist auch alles in Ordnung. Aber also, Kühe haben auch mal einen schlechten Tag, aber da hilft uns der Roboter einfach bei, und wir sind viel früher in der Behandlung der Tiere und können auch besser eine Richtung einschlagen.
Tarik: Philomena, welche Vorteile ergeben sich denn für die Kuh, wenn es um Digitalisierung im Kuhstall geht?
Philomena: Ja, die Kuh kann davon auf jeden Fall profitieren. Wir hatten ja schon das Beispiel Melkroboter. Die Kuh kann sich so ihren Tag frei einteilen. Also in der Regel sollte sie zweimal am Tag zum Melkroboter gehen. Die kann sich da einfach reinbegeben, die läuft da rein, wird dann gemolken. Das nimmt fünf bis zehn Minuten in Anspruch und dann kann sie wieder frei rumlaufen. Die kann dann den ganzen Tag fressen und liegen. Also die kann das absolut frei entscheiden, wann sie denn zum Melken gehen möchte. Dann haben wir natürlich auch noch Futterautomaten, zum Beispiel für Energie- und Eiweißfutter. Das ist sogar... ja, ich würde mal sagen wie eine Süßigkeit für uns. Also die Kuh findet das super, die frisst es richtig gern, und da gibt's tatsächlich Stationen, wo die sich das abholen kann, zu den Zeiten, wenn sie das gerade möchte. Also das finde ich, ist fürs Tierwohl auch auf jeden Fall ein Fortschritt. Und dann gibt's noch Dinge wie einen automatischen Futteranschieber. Also wenn das Futter vor der Kuh liegt, dann wühlt die ja immer drin rum, also die sucht sich so die Leckerlis raus. Und dann muss eigentlich der Landwirt mehrmals am Tag kommen und das wieder durchmischen und wieder verfügbar machen. Und wenn das natürlich automatisch geschieht, dann kann die Kuh jederzeit zum Fressen an ihren Fressplatz gehen und hat immer Futter in Topqualität da, ganz frisch.
[31:10] Thema: Die Kuh als Klimakiller? Ein differenzierter Blick
Tarik: Philomena, für einige Verbraucher:innen ist die Kuh ja ein sogenannter Klimakiller, ein sehr negativ besetzter Begriff. Aber stimmt das denn überhaupt?
Philomena: Also, das muss man sehr differenziert betrachten. Zum einen verursacht die Landwirtschaft gesamt in Deutschland ca. 8 % der CO2-Emissionen, auf die Rinderhaltung entfallen 3,4 %. Das umfasst jetzt alle Rinder, also nicht nur die Milchkühe. Allerdings handelt es sich ja bei dem Methan – also man rechnet ja das Methan in CO2-Äquivalente um – das Methan ist biogenes Methan. Das bedeutet, es befindet sich in einem Kreislauf. Also, es wird ja aus der Atmosphäre fixiert mit der Zeit. Man spricht so von zwölf Jahren ungefähr. Und dann ernten wir wieder das Gras oder die Ackerfrüchte und verfüttern die wieder an die Kühe. Natürlich setzen die das Methan dann auch wieder frei, aber das geht eben immer im Kreislauf. Also nach zwölf Jahren wird's dann wieder abgebaut aus der Atmosphäre. Also wir produzieren hier kein zusätzliches CO2 oder Methan. Dazu kommt natürlich noch, wir verwerten ja oft bei der Rinderfütterung zusätzliche Koppelprodukte, zum Beispiel Zuckerrübenschnitzel aus der Zuckerherstellung oder...
Tarik: Das hätte ich aber auch gerne, Zuckerumschnitzel klingt toll.
Philomena: Genau. Also es schmeckt nicht so gut wie es sich anhört. Also das sind Produkte, die fallen an und die können wir so wunderbar noch zu einem Lebensmittel verwerten. Und nicht zuletzt haben wir natürlich auch ökologische Effekte durch die Milchviehhaltung, weil nur so können wir das Grünland nutzen, was wir hier in Deutschland haben. Das ist nämlich ökologisch sehr wertvoll, ein Lebensraum für viele Insekten und so weiter, und das können wir eben nur über Wiederkäuer auch zur Lebensmittelproduktion nutzen.
[34:25] Thema: Konsumverhalten der Zukunft und der Hof von morgen
Tarik: Tristan, jetzt ist es ja so, dass die Milch in deutschen Haushalten immer noch eine sehr, sehr große Rolle spielt. Wenn wir uns aber die Gen Z anschauen, ist es da genauso eigentlich?
Tristan: Na, da wird das Konsumverhalten eben diverser, das kann man schon sehen. Aber zumindest in Zentraleuropa und in Nordamerika ist es natürlich weiterhin Bestandteil von sehr, sehr vielen Diäten. Und gleichzeitig darf man noch nicht vergessen: Also der Liter Milch ist ja auch der Grundrohstoff für eine ganze Menge anderer Produkte, die man noch nach wie vor wirklich nicht nachgebaut kriegt. Also, wenn man sich mal ein bisschen – das wird ja auch sehr oft in dem veganen/vegetarisch-Diskurs untergebracht, das ganze Thema – wenn man sich es mal anschaut, sieht man relativ klar, dass... du hast das vorhin auch schon gesagt, das läuft so extrem ab, in unglaublichen Zuspitzungen online. Und in Realität, also man hört's vielleicht ein bisschen, ich wohne in Österreich, da sind mittlerweile schon 55 % der Bürger:innen Flexitarier, also ernähren sich irgendwo in der Mitte. Nicht jetzt jeden Tag zehn Liter Milch trinkend und den ganzen Tag nur Steak essen, aber gleichzeitig nicht die ganze Zeit nur vegan oder vegetarisch. Und da läuft die Zukunft hin, also in ein gesünderes Mittelmaß zwischen den beiden Extremen. In Deutschland haben wir das ja auch.
Tarik: Maria, was kriegst du so mit? Einmal als Journalistin, auch als jemand, der für die Gen Z berichtet, talkt und Sachen aufarbeitet, aber auch als Konsumentin, wenn es um das Thema Milch geht.
Maria: Gerade die politische Komponente ist das, was mich total beschäftigt und umtreibt, weil wir da natürlich genau das, worüber wir jetzt gerade auch gesprochen haben, schon sehen, ne? Wir wollen Ökonomie erhalten. Wir wollen sie ökologisch machen. Der Bedarf von Verbraucher:innen ist, dass das nachhaltig sein soll, aber Verbraucher:innen sind nicht bereit, dafür selber aus der eigenen Tasche mehr Geld zu zahlen. Und das ist eine Realität, die wir abbilden müssen.
Tarik: Tristan, jetzt pack mal bitte die Glaskugel raus. Wie wird die Gen Z in 20 Jahren essen, leben und einkaufen?
Tristan: Die wird sich in 20 Jahren so verhalten können, gerade in Konsumfragen, wie sie es jetzt gerade vielleicht ganz gerne tun würde, sich aber nicht leisten kann. Das heißt, es wird auf jeden Fall davon auszugehen sein, dass einerseits wir weniger Müll und Abfall produzieren werden. Da sind die ja sehr, sehr vorsichtig mit und haben auch ein gutes Gefühl dafür, wie man das vermeiden kann.
Tarik: Die können auch Müll trennen, ne?
Tristan: Das haben sie auch gelernt, ja, von ihren Eltern, die es dann selber nicht immer vielleicht machen, ehrlicherweise. Dann werden sie viel mehr auf regionale Produkte auch gehen.
Tarik: Philomena, wenn du in die Zukunft blickst und dir überlegst: Wie schaut denn dort ja der Milchhof der Zukunft aus, auch wenn es um Digitalisierung geht, um Robotik und alles, was dazu gehört? Was finden wir dort an?
Philomena: Also, wir haben auf jeden Fall mehr Digitalisierung. Das unterscheidet sich ja heute schon stark auf den Betrieben, wie weit bin ich da schon eingestiegen? Also einige sind schon sehr vernetzt, haben schon diese Technik. Der Landwirt der Zukunft, der sitzt auf jeden Fall viel am PC oder vor dem Smartphone. Das wird sich nicht vermeiden lassen.
Tarik: Kann der später aufstehen?
Philomena: Ja, ich denke schon. Also, wenn man auf den Melkroboter setzt, wie beim Tobias zu Hause, dann wird es auch mal möglich sein. Die Frage ist jetzt, was man mit "später" definiert. Also man wird da definitiv trotzdem arbeiten müssen morgens, aber ja, die Technik macht uns flexibler, denke ich. Es verlagert sich mehr von Handarbeit zu Kontrolle. Also, ich muss nicht mehr jedes Tier von Hand melken, sondern ich kann auch eher durch den Stall durchgehen und einfach schauen: Sieht alles in Ordnung aus, fällt mir irgendwas auf? Ich habe für diese Dinge mehr Zeit. Wir werden auf jeden Fall nicht weniger arbeiten müssen. Die Arbeit wird sich aber verlagern, eher in den Management- und Kontrollbereich.
Tarik: Tristan, wie schaut für dich als Zukunftsforscher die Landwirtschaft, die Milchwirtschaft von morgen aus?
Tristan: Ich glaube, sie wird wieder regionaler werden. Das ist eine Sache, die jetzt gerade sehr, finde ich, auch unterschätzt wird. Wir haben ja alle noch irgendwie so... sind noch alle sehr in diesem turboglobalisierten Konsumverhalten gefangen. Wir sehen aber immer mehr, das zeigen auch alle Indikatoren bei Konsument:innen, dass die vermehrt auch regionale Produkte wollen, weil das natürlich ein sehr, sehr logischer Schluss auch ist. Man weiß, es ist nachhaltiger, weil man weiß, der Transportweg war nicht so lange und meistens ist es auch noch frischer. Ja, also man muss es dann wahrscheinlich in dem Kontext auch so sehen, dass dieses Bedürfnis früher oder später auch natürlich in den Markt sich einfinden wird. Das heißt, diese Vision, die ganz oft gibt, dass am Ende wird's zwei, drei große Unternehmen geben, die die gesamte Agrarwirtschaft betreiben – das passiert ja in vielen Ländern momentan –, das wird sich, glaube ich, wieder zurückschrauben. Da kommt, glaube ich, von den Konsumenten aus ein sehr starker Gegentrend. Jetzt momentan wirkt's natürlich ein bisschen so, dass es vor allem mit der Inflation zusammenhängt, dass wir alle denken: "Ja, das ist wieder egal, es geht nur mehr um Preis-Leistung, das ist das Einzige, was zählt." Das kann man jetzt ein paar Jahre machen, kann man jetzt auf diesen kurzfristigen Trend setzen und man schaut eben: Was sind die wirklichen Konsumbedürfnisse? Und da geht's um Nachhaltigkeit, Regionalität, Qualität vor allem. Das ist der Hauptindikator, den wir momentan sehen.
Tarik: Maria, für dich als Konsumentin: Wir haben schon gehört, viele Konsument:innen wollen Transparenz, ihnen ist das Thema Nachhaltigkeit wichtig. Regionalität ist ein wichtiger Punkt. Wenn du jetzt an den Milchbauernhof von morgen denkst, wie schaut der aus?
Maria: Das Stichwort ist Transparenz. Menschen haben Lust, selber Teil davon zu sein, ne? Die Gen Z hat diese Kommunikationswege. Wir können quasi auf Instagram live dabei sein, wie es auf einem Hof aussieht. Also diese Nähe zu Welten, die sich viele gar nicht erträumen können, und das bisschen auch dieser Schlüssellochmoment, den wir auch mit so einem Podcast hier schaffen können, da einfach mal einen Einblick zu haben, bedeutet einfach Aufklärung.
Tarik: Tobias, was macht ihr oder wie schaut für euch der Hof von morgen aus?
Tobias: Also, wir haben uns in den letzten zwei Jahren schon, meiner Meinung nach, gut in die Richtung entwickelt, eben durch das Einführen von einem Melkroboter oder von zwei Melkrobotern und auch, weil wir seit zwei Jahren unter dem Tierwohl-Label produzieren. Also vom Deutschen Tierschutzbund gibt's ein Tierwohl-Label und da gibt's eine Einstiegs- und Premiumstufe, und wir produzieren die Premiumstufe letztendlich. Und da hat man einen, ja, großen Maßnahmenkatalog, den man erstmal erfüllen muss, oder Anforderungskatalog, und man hat jährlich auch zwei Kontrollen, die man dann auch bestehen muss, aber das Ganze ist auf jeden Fall zugunsten des Tieres. Wir haben mehr Licht, mehr Luft, mehr Platz, durchgehend Auslauf zum Außenklima und das tut dem Tier gut. Und das ist, denke ich, ein Weg, den auch viele andere Betriebe noch in Zukunft einschlagen werden.
Tarik: Tobias, welche Hürden erlebst du bei euch auf dem Hof?
Tobias: Ich glaube, das mit der fehlenden Planungssicherheit, das trifft's schon ganz gut. Es gibt viele Investitionen, die man tätigen könnte, wenn man denn könnte, die auch in Richtung Nachhaltigkeit da irgendwie ihren Fokus haben. Und da denke ich an ein ganz konkretes Beispiel. Und zwar wurde in Holland eine Anlage entwickelt, die den Dünger, den organischen Dünger der Kühe, also die Gülle, aufbereiten kann. Sehr effizient, dabei enorm viel ja CO2-Äquivalent einspart, aber in Deutschland scheitert das im Moment an den Genehmigungsbehörden. Und ich denke, wenn das durch ist, wird die Investition da auch noch mal ein großer Brocken sein, wo viele Landwirte zurückschrecken. Und das ist nur eins von vielen Beispielen, wo Innovation möglich ist, aber finanziell nicht möglich ist.
Philomena: Ja, was denke ich in der Zukunft auch noch kommen wird, sind zum Beispiel die Antriebe von Schleppern oder Traktoren, also von den Maschinen, mit denen wir tatsächlich auf dem Hof und auf dem Feld arbeiten. Da haben wir natürlich noch viele fossile Antriebe, aber in der Zukunft wollen wir ja auch nachhaltiger werden. Das bedeutet auch davon wegzukommen. Und das sind eben auch noch viele Antriebe, zum Beispiel über Wasserstoff wird hier diskutiert noch in der Entwicklung. Und da werden dann auf jeden Fall auch Investitionen nötig sein, um das dann auch umzusetzen.
[43:00] Thema: Wünsche an Gesellschaft und Politik & Outro
Tarik: Zum Schluss habt ihr einen Wunsch frei. Ich werde quasi von der Milchprinzessin zu eurer Genie und ihr dürft euch eine Sache wünschen. Und zwar: Was würdet ihr als Allererstes in der Gesellschaft verändern, um einen positiven Klimabeitrag zu leisten? Tristan, große Augen bekommen.
Tristan: So viele Wünsche.
Tarik: Du hast nur einen.
Tristan: Ich habe nur einen. Gut, dann muss ich clever... Also mein, mein großer Wunsch wäre es auch, um das Generationen-Thema nochmal mit reinzubringen, dass wir auch mehr aus der Generation Z auch wirklich in Entscheidungspositionen reinbringen. Also ich sage, ich hab es immer sehr provokativ eine Generationenquote genannt, aber ich glaube, es würde sich gerade, was das Thema Nachhaltigkeit, Konsum und neues Denken in diesen Feldern angeht, eine Menge ändern.
Tarik: Philomena, was ist dein Wunsch?
Philomena: Ja, mein Wunsch wäre auf jeden Fall, dass man Wertschätzung entwickelt für unsere heimische Lebensmittelproduktion. Es ist ja so, wir haben in der Gesellschaft gerade ganz viele Wünsche in Richtung Nachhaltigkeit, in Richtung Tierwohl. Allerdings, wie der Tobias schon erwähnt hat, braucht's dazu Planungssicherheit und auch die Nachfrage muss gegeben sein. Das bedeutet, wenn die Verbraucher sich entscheiden, regionale Produkte aus Deutschland zu kaufen, dann besteht hier die Nachfrage und dann können wir auch die Standards für diese Produkte schrittweise nach oben schrauben, wenn das gewünscht wird. Allerdings, was wir nicht wollen und womit man als Landwirt auch nicht bestehen kann mit seinem Betrieb, ist, wenn wir sagen: "Okay, wir wollen hier in Deutschland sehr hohe Standards. Wir wollen, dass wir besser sind als unsere Konkurrenz, sage ich mal, aus dem Ausland", aber dann sagen: "Ja, stopp, jetzt wird mir das aber alles zu teuer. Ich will zwar, dass das Top-Qualität hat, aber jetzt möchte ich es nicht mehr kaufen." Und das dürfen wir halt nicht machen, weil wenn wir Forderungen stellen, wir wollen diese höheren Standards, dann müssen wir uns auch aktiv dafür entscheiden, die zu entlohnen.
Tarik: Danke dir. Tobias, was ist dein Wunsch?
Tobias: Mein Wunsch ist, dass wir als Landwirte, als junge Landwirte zusammen mit Verbrauchern und Politik Hand in Hand Zukunft beschreiben und dass das ein großer runder Tisch wird, an dem wir reden und kommunizieren und uns über Dinge austauschen. Da sollten wir Hand in Hand gehen und alle Bereiche transparenter machen.
Tarik: Danke dir. Maria, dein Wunsch.
Maria: Das hast du so passend beschrieben. Das treibt mich als Medienmacherin auch rum und deswegen denke ich da genauso von "Hand in Hand". Bedeutet für mich auch, auf Augenhöhe sich auszutauschen. Das bedeutet auch, dass wir eine gesunde Debattenkultur haben, und das ist eigentlich was ganz Tolles, dass zum Beispiel die Gen Z eben auch aufgewachsen ist mit diskutieren zu dürfen in Kommentarspalten. Das ist eigentlich was total Schönes, weil Menschen sich eine Meinung bilden. Das bedeutet aber auch, wenn wir das weiterdenken, bis hin in Entscheidungspositionen oder zum Beispiel in dem Beruf von mir als Journalistin, dass wir eine konstruktive Debattenkultur brauchen, die eben, genau wie ihr sagt, auch alle Positionen mitdenkt, sich einander zuhört und respektvoll ist.
Tarik: Sehr schön. Vielen Dank an euch. Vielen Dank für euren Input. Das war Let's Talk Milch zum Thema Next Gen und Landwirtschaft. Vielen Dank auch an alle fürs Zuhören und wenn ihr mehr zum Thema Klima und Nachhaltigkeit wissen wollt, dann hört super gerne unsere nächste Folge. Denn, Kinders, ich gehe auf den Bauernhof und treffe dort Dr. Doris Leple, Anton Reid und Anton Diphold, und zwar in München, und werde mit denen genau über Klima und Nachhaltigkeit plaudern und mir wahrscheinlich auch noch eine Kuh zum Streicheln suchen. Aber jetzt setze ich erstmal die Krone von Philomena nochmal auf. Ciao.
Alle Gäste: Ciao.
[Podcast-Musik]
Tarik: Das war Let's Talk Milch. Schön, dass ihr zugehört habt. Und jetzt seid ihr gefragt: Real Talk Milch. Sagt uns eure Meinung und werdet Teil des Podcasts. Wie das geht? Einfach per Sprachnachricht und alle Infos dazu findet ihr auf www.initiative-milch.de/letstalkmilch. Ob unterhaltsam oder kontrovers, verratet uns, was ihr über das Thema Milch denkt und was ihr noch wissen möchtet. Eine Auswahl eurer Nachrichten und Fragen bauen wir dann in die nächste Folge ein und den Link findet ihr in den Shownotes. Viel Spaß, euer Tarik.
Die junge Landwirtin aus Bobingen meistert drei Tätigkeiten parallel: eine Ausbildung zur Landwirtin im elterlichen Betrieb, ein Studium in Landwirtschaft und ein Engagement als Bayerische Milchprinzessin. In dieser Funktion klärt sie über Mythen in der Milchwirtschaft auf und engagiert sich für die Zukunft der Branche.
Bayerische Milchprinzessin 2022/2023
Der Landwirt aus Nordrhein-Westfalen bewirtschaftet mit seiner Familie ebenfalls einen Milchviehbetrieb. Dafür hat er eine Ausbildung zum Landwirt absolviert, Agrarwissenschaften studiert und einen Master in Angewandte Nutztierwissenschaften abgeschlossen. Als einer von 700 sogenannten AgrarScouts in Deutschland teilt er sein Wissen und seine Begeisterung für die Landwirtschaft mit der Öffentlichkeit.
Tobias Honvehlmann auf LinkedIn
Die Journalistin, Moderatorin und Podcasterin wurde bekannt mit dem Funk-Format „Auf Klo”. Dazu hat sie gerade einen neuen Podcast namens „Stand der Dinge”. Sie beschäftigt sich mit den Themen Zeitgeist, Popkultur und Feminismus und verleiht Geschichten abseits der Klischees Sichtbarkeit.
Maria Popov auf LinkedIn und Instagram
Der Zukunftsforscher hat Politikwissenschaften in Wien studiert und ist in die Fußstapfen seines Vaters Matthias Horx getreten. Tristan setzt sich mit seinem Team von The Future:Project intensiv mit den großen Transformationen unserer Zeit Digitalisierung, New Work und Nachhaltigkeit auseinander.
Tristan Horx auf LinkedIn und Instagram
„Es überrascht tatsächlich viele Menschen, wenn man sagt: Ja, ich studiere jetzt Landwirtschaft. Allerdings haben wir den Landwirt tatsächlich als so komplexen Beruf heutzutage, dass man wirklich auf ganz vielen Gebieten Profi sein muss.”
Philomena Mögele
Der Moderator und Podcaster ist bekannt aus dem Online-Format „Jäger & Sammler“ im ZDF und der Talkshow „deep und deutlich“ im NDR. Im Podcast „Tratsch & Tacheles“ spricht er mit der Moderatorin Hadnet Tesfai offen und ehrlich über die latest news aus der Popkultur. Mit seinen glamourösen Fashion-Statements auf seinen Social-Media-Kanälen gilt Tarik als der deutsche Billy Porter.
