Podcast #19
Die Milch ist on the move! Überall in Deutschland reduziert die Generation Zukunft ihre Emissionen im Betrieb und setzt sich für Tierwohl ein. Unsere drei Expert:innen beleuchten verschiedene Aspekte einer verantwortungsvollen Milchproduktion und erklären, warum Transparenz der Schlüssel für einen Dialog auf Augenhöhe ist.
Ist Milch jung, innovativ und dynamisch? Auf jeden Fall! Dafür zeichnen insbesondere die Akteur:innen hinter dem Lebensmittel verantwortlich. Überall im Land erfassen junge Landwirt:innen ihren CO2-Fußabdruck, um smarte Kreisläufe noch smarter zu machen und ihre Emissionen nach unten zu schrauben. Eine wichtige Erfahrung, die sie dabei immer wieder machen: Klimaschutz und Tierwohl sind ein Match!
Mit unseren drei Gästen diskutieren wir darüber, wo die Branche in Sachen Nachhaltigkeit steht, welchen Nutzen Landwirt:innen aus dem Erfassen ihres CO2-Fußabdrucks ziehen und wie ein konstruktiver Dialog mit den Verbraucher:innen gelingt.
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Podcast: Tierwohl und Klimaschutz – jetzt anhören!
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[00:00] Thema: Intro und Begrüßung
Lorenz: Wir sind als Gesellschaft aktuell dabei, die Treibhausgasemissionen in allen Bereichen der Wirtschaft transparent zu machen. Und diese Transparenz ist ganz wichtig für uns als Gesellschaft.
Stefanie: Wir müssen aber viel mehr darüber sprechen, was schon wirklich gut in der Tierhaltung läuft, damit wir auch tolle Veränderung voranbringen.
Birte: Eine Diskussion muss nicht immer bedeuten, dass man den Menschen vom Gegenteil oder von seiner Meinung überzeugt, sondern es soll einfach erstmal das Verständnis fördern, und das wäre mir wichtig.
Tarik: Hi und herzlich willkommen beim Podcast Let's Talk Milch von der Initiative Milch. Heute dreht sich alles um das Thema Tierwohl und Klimaschutz, Verantwortung für die Zukunft. Mein Name ist Tarik und ich führe wie immer durch den Talk. Die Milch ist on the move. Ob auf den Höfen, in den Molkereien oder in der Forschung, wo man hinschaut, übernehmen junge Menschen Verantwortung für die Zukunft und packen an für Klimaschutz und Tierwohl. Da steckt also eine ganze Menge Bewegung drin und darum wollen wir sprechen. Deswegen haben wir uns für Let's Talk Milch auch wieder tolle Gästinnen eingeladen. Sie versprechen Expertise im Dreierpack und liefern spannende Insights über eine Branche, die sich permanent neu erfindet. Mit Landwirtin Birte Westrup, Tierwohlexpertin Stefanie Pöpken und Agrarwissenschaftler Lorenz Maurer spreche ich heute über Themen, die die Landwirtschaft bewegen und euch da draußen hoffentlich auch. Es geht um Vorbilder, goldene Kühe und um euch, liebe Hörerinnen. Seid gespannt. [Podcast-Musik] Ich creamy oder cross, aber immer damn delicious. Ich schmeck allen even. So ist es. Ich ziehe meine Fäden, bleib wie immer ganz gechillt. Die Antwort ob bei vorne und bleib wie immer. Ja, ich will. So wie diese Shakes. Enerst ich liebe Proteine. Sag die du heftige Maschine. [Podcast-Musik endet] Leute, wir haben es gehört. Die Milch macht neuerdings auch Musik. Sie macht aber auch sehr gerne Podcast und da haben wir wie immer tolle Gästinnen am Start, so wie heute. Hallo ihr drei, schön, dass ihr mit dabei seid bei Let's Talk Milch.
Gästinnen: Ja, vielen Dank für die Einladung und wir freuen uns.
[03:15] Thema: Entwicklungen in der Milchwirtschaft und Fokus auf Nachhaltigkeit
Tarik: Stefanie, du auch. Wir haben es gerade gehört, die Milch ist in Bewegung und deswegen möchte ich von euch ganz gerne wissen zu Beginn, was meint ihr, wo hat die Milch sich in den letzten Jahren besonders bewegt und wo habt ihr euch gedacht: Hallemuhja?
Stefanie: Ich fange gerne an, Tarik, danke für die Frage. Wo hat sich die Milch für mich ordentlich bewegt? Also ich würde vor allen Dingen sagen, was die Diskussion über die Milch angeht, also die Tierhaltung, Tierwohl, das kommt natürlich auch aus dem Bereich, wo ich jetzt arbeite. Da ist eine Menge passiert und sehr viel Spannendes sogar.
Tarik: Birte, was meinst du? Wenn es um die Haltung von Kühen geht oder auch die Einsparung von Emissionen. Was hat sich in den letzten Jahren besonders viel bewegt?
Birte: Ich denke einfach, dass der Fokus noch viel mehr darauf gerückt ist, vor allem auf das Thema Nachhaltigkeit. Das bekomme ich besonders auch im Studium mit, dass auch in den Vorlesungen halt immer mehr der Fokus nicht nur auf die Wirtschaftlichkeit, sondern auch die Nachhaltigkeit in der Milchwirtschaft gelegt wird.
Lorenz: Ja, also ich habe ja in meiner Arbeit einen recht guten Einblick so in die Molkereibranche und wie die an das Thema Klima und Nachhaltigkeit rangehen, und gerade beim Klima bemüht sich die Branche in den vergangenen Jahren wirklich da einen ersten Überblick über die Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette zu bekommen. Also die Molkereien beschäftigen sich tatsächlich schon recht intensiv mit dem Thema und das finde ich ziemlich gut.
Tarik: Darüber sprechen wir natürlich auch noch ein bisschen intensiver, was so alles passiert ist, gerade wenn es um Tierwohl und die Einsparung von Emissionen geht. Vorab noch: Wie süß ist bitteschön Hallemuhja?
Stefanie: Absolut.
Tarik: Ist das nicht ein cuter Ausspruch, Leute? Wollen wir alle mal Hallemuhja sagen? Auf drei?
Alle: Ja. 1 2 3 Hallemuhja. [lachen hörbar]
[07:30] Thema: Birtes Weg zur Landwirtschaft und die goldene Olga
Tarik: Ja Leute, da kommt doch direkt Stimmung auf. Birte, du bist auf einem Hof groß geworden und kennst das Leben mit Kühen, also von klein auf. Jetzt studierst du gerade Landwirtschaft in Kiel und arbeitest als Projektmanagerin bei einem Verein für Landtechnikunternehmen. Sag mal, war für dich schon immer klar, dass du Landwirtin werden möchtest?
Birte: In der Jugend war mir das sehr klar. Ich erinnere mich noch, als ich klein war, hatte ich die Schaukel im Melkstand hängen und bin quasi zwischen den Kühen groß geworden. Nach dem Abitur damals konnte ich mir eigentlich auch nichts anderes vorstellen und da wurde meine Begeisterung für Kühe noch mal ganz neu entfacht, als ich die Ausbildung dann zur Landwirtin gemacht habe.
Tarik: Und sag mal, was begeistert dich denn so an Kühen? Also, warum sagst du High Five Kühe für immer, nicht nur bei der Arbeit, auch privat dann auf dem Hof? Was ist das Tolle an Kühen?
Birte: Also, ich muss ehrlich sagen, ich mag auch einfach ganz ehrlich Tiere und Kühe sind irgendwie so tolle Tiere. Die sind, ich finde die einfach lustig, bin ich ehrlich. Also, wenn man sich die anguckt, in ihrem Verhalten einfach irgendwie im Stall zu stehen und sich die Kühe anzugucken, das weckt in mir so eine innere Freude.
Tarik: Die chillen ganz gerne auch, ne? Du bist ja das Gegenteil von chillen, habe ich das Gefühl, bei all den Dingen, die du so machst, du studierst, habe ich gerade schon gesagt. Wie schaffst du es denn, das theoretische Wissen von deiner Uni praktisch bei euch auch auf dem Hof mit einfließen zu lassen? Und wie kommt das an, wenn die junge Generation um die Ecke kommt und sagt: "Pass mal auf, Leute, so oder so könnte man das auch machen."?
Birte: Nee, ich würde behaupten, das kommt eigentlich ganz gut an. Also, wir arbeiten vom Betrieb auch mit der Hochschule Osnabrück zusammen und gerade mein Vater ist immer sehr auf Innovation ausgerichtet und möchte am liebsten immer alle neuesten Erkenntnisse mit einfließen lassen. Das hat er vielleicht auch schon von meinem Opa. Der war damals sehr innovativ und hat schon Reisen in die USA gemacht, um zu wissen, wie da die Landwirtschaft läuft, um neues Wissen auf den Hof zu bringen. Also, ich würde sagen, das wird sehr gut angenommen.
Tarik: Und Innovation ist ein gutes Stichwort, denn ihr habt die goldene Olga gewonnen. Ich kann mir vorstellen, dass nicht alle Hörerinnen wissen, was die goldene Olga ist. Birte, erklär mal bitte, was ist die goldene Olga?
Birte: Ja, die goldene Olga ist im Prinzip ein Preis für eine transparente Milchproduktion. Der Preis stellt sich dann in Form von einer goldenen Kuh in Lebensgröße dar, die stand ein Jahr lang bei uns auf dem Hof. Und den Preis gibt's halt dafür für besonders gutes Management, für besonders gute Qualität der Milch und besonders wird halt auf die vier Säulen der Nachhaltigkeit geachtet, also die Ökonomie, die Ökologie, Soziales und da auch vor allem das Tierwohl. Und da sind wir wohl sehr gut abgeschnitten.
Tarik: Also offensichtlich Glückwunsch auch noch mal von meiner Seite. Das heißt, Tierwohl und Nachhaltigkeit gehen bei euch Hand in Hand. Wir sprechen mit dir darüber natürlich auch noch weiter, aber jetzt auch noch ein Fokus auf die anderen Gästinnen, und zwar machen wir mit Stefanie erstmal weiter.
[12:15] Thema: Stefanies Weg von der Aktivistin zur Tierwohl-Beraterin
Tarik: Stefanie, bei dir ist ganz spannend, du bist mittlerweile eine gefragte Expertin, wenn es um die Interessen von Tieren in der Landwirtschaft geht. Du hast aber mal ganz anders angefangen. Erzähl doch mal, wie das bei dir abgelaufen ist.
Stefanie: Also tatsächlich, Tarik, habe ich auch Landwirtschaft studiert, auch in Kiel. Aber ich habe vor 18 Jahren mein Diplom gemacht, bitte. Also wir sind ein bisschen auseinander, was das Alter angeht, damals mit der Idee, ich will unbedingt in die Entwicklungshilfe gehen. Und das hat sich dann doch irgendwie alles ganz anders entwickelt und ich bin erstmal ins Ausland gegangen, habe auch gar nichts mit Tieren zu tun gehabt und nach ca. 8 Jahren in der Wissenschaft zu verschiedensten Bereichen, Bodenkunde, Pflanzengesundheit etc. habe ich dann angefangen für einen kleinen Tierschutzverein in Kiel zu arbeiten. Und da war ich dann 5 Jahre lang Fachreferentin für Nutztiere, für Rinder und Geflügel.
Tarik: Also kann man sagen, dass du Aktivistin warst?
Stefanie: Ich war Aktivistin 5 Jahre lang.
Tarik: Und jetzt bist du aber von der Aktivistin zur Beraterin. Wie ist denn dieser Switch passiert?
Stefanie: Es ist eigentlich dadurch gekommen, dass ich gemerkt habe, dass ich als Beraterin erstmal noch meine eigenen Interessen ein bisschen weiter in den Fokus stellen konnte und dass ich auch Unternehmen anders beraten kann, wenn ich das selbständig mache, als wenn ich jetzt über einen Verein berate.
Tarik: Und sag mal, wie kommt das bei anderen Aktivistinnen an, wenn man die Seiten wechselt und dann zur Beraterin wird? Sagen die super, weil man braucht das ja auch? Oder gab's auch Leute, die gesagt haben, jetzt hast du dich verraten?
Stefanie: Es hat mir jetzt noch keiner gesagt, dass ich mich irgendwie verraten hätte. Ich finde auch Seitenwechseln, ich meine das Thema ist ja das gleiche geblieben. Also ich kämpfe ja immer noch für die Tiere. Ich kämpfe für eine gute Tierhaltung, für eine Transparenz in der Tierhaltung, für ein hohes Maß an Tierwohl. Und das tue ich einfach, indem ich große Unternehmen berate im Nachhaltigkeitsbeirat als Fachberaterin für Tierwohl oder auch im Kompetenzzentrum Landwirtschaft oder in verschiedenen Konsortien. Ich bin auch bei Pro Weideland, sitze ich mit drin und berate. Das Gute ist halt und das sehe ich auch als Vorteil meiner Position, ich habe immer noch so die Denke einer NGO, also einer Nichtregierungsorganisation. Kann aber anders auf Befindlichkeiten von Unternehmen eingehen und stehe nicht die ganze Zeit mit meinem erhobenen Tierschutz-Zeigefinger im Raum und sage, ihr macht alles falsch und ihr müsst das und ich fordere dieses und jenes. Sondern ich finde einfach so einen offenen Dialog zu suchen und gemeinsam Lösungen zu finden und zu entwickeln, das finde ich einfach wahnsinnig wichtig.
Tarik: Klingt für mich nach einem Perfect Match, weil du dann ja auch noch mal einen ganz anderen Vibe quasi in die Branche reinbringst und auch glaube ich noch mal von einer anderen Perspektive an viele Sachen rangehst. Du hast ja auch mit anderen ein Buch herausgebracht. Erzähl uns gerne worum es da geht und was das Ganze mit Beratung, Tierwohl und Nachhaltigkeit zu tun hat.
Stefanie: Ja, sehr gerne, Tarik. Also, das Buch ist zusammen mit der Grünen-Politikerin Renate Künast und mit dem Ökoaktivisten Bernward Geier anfang des Jahres herausgebracht worden. Das heißt Nutztiere, mehr als eine Frage der Haltung. Und unser Anliegen war es wirklich einfach mal darüber zu sprechen, was dann schon gut passiert in der Tierhaltung, weil oftmals, wenn wir uns auch die Medien anschauen, es ist leider Bad News oder Good News. Das ist das, was am meisten zählt. Wir müssen aber viel mehr darüber sprechen, was schon wirklich gut in der Tierhaltung läuft, damit wir auch tolle Veränderung voranbringen. Also, wir können nicht immer nur Veränderungen aus negativen Beispielen hervorbringen, sondern wir haben ja schon ganz ganz viele tolle positive Beispiele auf Betrieben, die wir nutzen können, um die Transformation der Tierhaltung, um die Zukunft der Tierhaltung sehr viel progressiver zu gestalten.
[17:45] Thema: Lorenz' Arbeit beim LfL und der Klimacheck auf dem Hof
Tarik: Bevor wir mit Stefanie gleich zu dritt ein sehr, sehr tolles Spiel spielen, auf das ihr euch alle, also Hörerinnen wie ihr drei, euch auch schon sehr drauf freuen könnt, hole ich jetzt natürlich noch Lorenz mit in die Runde. Lorenz, schön, dass du mit dabei bist. Du bist Agrarwissenschaftler bei der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Was genau machst du dort?
Lorenz: Ja, danke für die Einladung. Ich bin an der LFL, also an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, Teil von der Arbeitsgruppe für Klimawirkung und Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Systeme. Und wir sind ein Team von fünf Leuten aus Landwirtschaft und Wissenschaft, die gemeinsam den Online-Klimarechner der LFL betreuen und auch weiterentwickeln. Landwirtschaftliche Betriebe sind sehr vielfältig und unterschiedlich und die Prozesse, in denen da eben Treibhausgase entstehen, die sind sehr komplex. Und deshalb brauchen Molkereien und brauchen Milchviehbetriebe spezialisierte Klimarechner, mit denen sie die Treibhausgasemissionen modellieren und berechnen können. Und als Ergebnis erhält man dann den viel erwähnten Treibhausgas-Fußabdruck, aber die Betriebe erhalten auch eine ziemlich detaillierte Auswertung dazu, wo genau im Betrieb welche Mengen Treibhausgase entstehen. Und das Tool gibt's nicht nur für die Milchkuh, sondern z.B. auch für die Schweinemast und für verschiedene Getreidearten und auch für die Futterproduktion wie Maissilage oder Grassilage. Ich arbeite aber vor allem im Bereich Milcherzeuger und unterstütze da Milcherzeugerinnen und Molkereien dabei, den LFL Klimacheck zu nutzen, z.B. indem ich Schulungen gebe.
Tarik: Bevor du mir mehr von dem Klimacheck erzählst, eine Sache noch vorab. Ich meine CO2-Fußabdruck, darüber wird viel gesprochen, aber was genau, Lorenz, ist denn eigentlich der CO2-Fußabdruck?
Lorenz: Sagt man eigentlich der Treibhausgas-Fußabdruck, weil es geht nicht nur um CO2 als Treibhausgas da, sondern auch um andere Gase, also speziell Lachgas und Methan. Das sind auch Treibhausgase und die haben tatsächlich in der Landwirtschaft eine größere Bedeutung als CO2. Und der Treibhausgasfußabdruck, das gibt einfach an, wie viel Kilogramm Treibhausgase pro Kilogramm Milch erzeugt werden in der Milchproduktion. Ist also das produktbezogene Ergebnis einer Klimabilanz. Und das ist eine ganz wichtige Zahl für Molkereien und für Lebensmittel-Einzelhändler und für Verbraucherinnen und Verbraucher, weil wir sind als Gesellschaft aktuell dabei eben die Treibhausgasemissionen in allen Bereichen der Wirtschaft transparent zu machen. Und entsprechende Gesetze sind auch weltweit in Arbeit. Und diese Transparenz ist ganz wichtig für uns als Gesellschaft, wenn wir gemeinsam in die richtige Richtung steuern wollen. Und wenn eine Molkerei eben diesen Berichtspflichten nachkommen will, dann braucht sie Zahlen von ihren Lieferanten, den Milchviehbetrieben. Aber für den landwirtschaftlichen Betrieb ist eigentlich die detaillierte Auswertung viel interessanter, also wo genau entstehen welche Mengen an Emissionen.
Tarik: Und sag mal so ein bisschen frech gefragt, müssen die Landwirtinnen nicht eigentlich wissen, wo sie viel Emissionen verbrauchen? Ist das tatsächlich so eine große Überraschung dann? Weil to be honest, wenn ich jetzt zu viel Zucker esse, dann wird mein Arzt wahrscheinlich sagen, das ist nicht gut für die Zähne. Das weiß ich aber auch schon vorher. Lorenz, sie müssen das auch selber wissen, denke ich mir dann so.
Lorenz: Nee, tatsächlich ist es teilweise ziemlich überraschend, in welchen Prozessen am landwirtschaftlichen Betrieb welche Treibhausgase entstehen. Das ist vielen nicht klar. Wir können da gleich noch mal die Birte fragen, ob sie da auch ein bisschen überrascht war bei manchen Sachen. Sie hat ja auch schon einen Treibhausgasrechner benutzt. Aber z.B. überrascht viele und hat auch mich überrascht, dass die Energie, also jetzt z.B. Strom und Diesel, nur einen ziemlich kleinen Teil der Emissionen in der Milcherzeugung ausmacht. Da denkt man ja immer dran, ja, fossile Brennstoffe, aber das macht tatsächlich in der Milcherzeugung und in der Landwirtschaft allgemein einen relativ kleinen Teil aus. Und auf der anderen Seite wissen eben viele nicht, dass z.B. auch Lachgas, das ist eine Stickstoffverbindung, ein ganz wichtiges Treibhausgas ist, und das entsteht z.B. in der Düngung. Also das sind viele Dinge, die man nicht so direkt auf dem Kasten hat, wenn man sich damit nicht beschäftigt hat.
Tarik: Lorenz hat gerade schon gesagt, ihr habt ja auch so einen Rechner für euren Hof benutzt. Was hat es euch gebracht und gab es auch überraschende Ergebnisse?
Birte: Ja, also wir haben den Rechner das erste Mal tatsächlich benutzt in dem Jahr, wo wir auch die goldene Olga gewonnen haben, weil wir im Zuge dessen auch den Klimasonderpreis Niedersachsen gewonnen haben und da halt quasi der CO2-Fußabdruck mit ausgerechnet wurde. Und da sind wir wohl schon sehr gut abgeschnitten und dann hat uns das Interesse natürlich gepackt und seitdem werten wir das quasi jedes Jahr aus und konnten uns bisher auch immer verbessern. Und was vielleicht überraschen mag, was uns die meisten Pluspunkte gibt, ist, dass wir eine sehr hohe Milchleistung haben. Das hat den Hintergrund, dass man für viel Milch relativ wenig Tiere halten muss und das natürlich nicht so viel CO2-Ausstoß und Methanausstoß bedeutet.
Tarik: Sehr interessant. Ist es nicht auch so, dass man auch an der Art und Weise, wie viel Kühe Milch geben, auch erkennen kann, ob es den Tieren gut geht? Ist das nicht auch so ein Messgrad, Birte?
Birte: Für mich ist das auf jeden Fall ein Messgrad. Wir vergleichen das dann immer gerne mit Hochleistungssportlern, weil man hört ja auch oft den Begriff Hochleistungskuh und genau wie ein Hochleistungssportler kann auch eine Hochleistungskuh nur ihre beste Leistung abliefern, wenn es ihr auch am besten geht. Und da wird alles von vorne nach hinten durchgerechnet. Also wie können wir sie am besten ernähren? Wie ist die Belüftung am besten? Also ich glaube, das ist immer vielen nicht bewusst, wie viele rauchende Köpfe dahinter stehen, um eine hohe Milchleistung zu generieren, weil das geht nur, wenn es den Kühen optimal geht.
[25:00] Thema: Das große Mythen-Spiel rund um Landwirtschaft und Kühe
Tarik: So ist es, Leute. Und das wissen, wie gesagt, eben auch nicht alle und deswegen ist das eine perfekte Überleitung für unser kleines Spielchen, was wir jetzt spielen, denn es gibt ganz schön viele Gerüchte aka Mythen auch auf Social Media, wenn es darum geht, wie geht es den Kühen in der Landwirtschaft, wie läuft überhaupt Landwirtschaft ab, etc. Und ich habe ja zum Glück drei Expertinnen an meiner Seite und deswegen spielen wir jetzt ein kleines Mythenspiel. Seid ihr dabei?
Alle: Auf jeden Fall. Ja.
Tarik: Und zwar gucken wir mal auf einen Mythos, der immer mal wieder aufploppt und zwar: Tierische Produkte zerstören unsere Umwelt. Lorenz, was sagst du?
Lorenz: Oh, also ihr bohrt ja da dicke Bretter. Also kurze Frage, lange Antwort, sorry dafür. Also so würde ich das natürlich auch nicht sagen, so ausgedrückt ist das Quatsch. Aber bei vielen Umweltproblemen spielt also unsere Landwirtschaft schon eine entscheidende Rolle, sowohl als Teil der Ursache als auch Teil der Lösung. Also, wenn wir da an Nitrat im Grundwasser denken, an Algenblüten in der Ostsee oder die Veränderungen von Vogelpopulationen, all das hat schon auch mit der Landwirtschaft zu tun und könnte uns in Zukunft ordentlich Geld kosten und ganz schön auf die Füße fallen. Und was haben jetzt tierische Produkte insbesondere damit zu tun? Also Nutztiere brauchen Futter und für die Erzeugung von diesem Futter nutzen wir ganz viel landwirtschaftliche Fläche. Wir verwenden pflanzliche Produkte wie Getreide, Mais und so weiter, um tierische zu erzeugen und diese tierischen Produkte sind sehr sehr wertvoll für unsere Ernährung. Aber auf einem Teil von dieser Fläche könnten wir direkt auch Nahrung für Menschen anbauen. Und es ist ziemlich klar, dass eine Ernährung mit Fokus auf pflanzlichen Lebensmitteln deutlich weniger Fläche braucht und das gleiche gilt auch für andere Umweltwirkungen wie Treibhausgase, Pestizideinsatz, Überdüngung der Ostsee. Die Landwirtschaft produziert natürlich einfach das, was der Markt nachfragt. Gleichzeitig, und das will ich noch sagen, haben Nutztiere auch super wichtige Funktionen. Erstmal natürlich sind die Lebensmittel sehr sehr wertvoll für die menschliche Ernährung und Tiere verwerten Biomasse, die wir nicht direkt nutzen können. Also Gras von Wiesen und Reststoffe aus der Lebensmittelverarbeitung, ist auch nicht alles Getreide z.B. geeignet für das Backen von Brot. Also Nutztiere verwandeln diese pflanzliche Biomasse, die wir nicht direkt nutzen können, in wertvolle Lebensmittel und ganz besonders die Wiederkäuer, die haben besondere Superpower in ihrem Verdauungssystem. Und das andere ist natürlich, dass Tiere auch eine ganz wichtige Rolle spielen für Nährstoffkreisläufe in der Landwirtschaft. Also Mist und Gülle sind ganz wertvolle Düngemittel. Genau. Also für mich ist die Frage nicht, ob Tiere oder nicht, sondern wie viele Tiere und welche und wie viel tierische Produkte und wie füttern wir die Tiere und wie passt es zusammen mit der Tragfähigkeit von unserer Umwelt.
Tarik: Leute, wir machen weiter und zwar Birte, Gülle ist schädlich für die Umwelt. Ist das wahr, ist das Quatsch?
Birte: Da gebe ich ein ganz klares Jain. Natürlich gibt's sowas wie Überdüngung. Das hat sich jetzt keiner ausgedacht und das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das muss man so realistisch sagen. Andererseits würde ich behaupten, dass man mittlerweile auch einfach schlauer wird mit der Zeit. Mittlerweile gibt's sowas wie Nährstoffbedarfsrechnung. Da wird jedes Kilo Gülle berechnet. Es gibt Techniken, z.B. zu Hause setzen wir eine Technik ein, die misst quasi den Chlorophyllgehalt im Getreide und kann damit den Stickstoffbedarf vom Weizen bestimmen. Und dann wird halt nur so viel Stickstoff oder Gülle ausgebracht, wie der Weizen braucht. Man hat Bodenkarten mit dem möglichen Ertrag und versucht so Überdüngung zu vermeiden, weil man einfach auch sagen muss, z.B. Kunstdünger setzen wir einfach auch nicht aus Spaß ein. Das ist ein teures Düngemittel und wir versuchen das einzusparen. Auch Gülle ist letztendlich ein wertvoller Dünger für uns und mit dem können wir nicht einfach so um uns rumschmeißen, sondern die möchten wir gezielt einsetzen und natürlich auch so gut ausnutzen, wie es geht. Dazu benutzt man z.B. dann Technik, die die Gülle direkt in den Boden einschlitzt, so dass man möglichst wenig Ausgasung hat. Der Nebeneffekt ist halt, dass man nicht überdüngt und man hat halt auch seine Pflanzen bestmöglich ernährt, weil ohne Dünger wächst einfach keine Pflanze, sei es Salat, Weizen oder Mais.
Tarik: Und ihr macht ja auch aus, ja, kann man so sagen, aus Scheiße Strom, ne, Birte?
Birte: Ja, das kann man so sagen. Unsere Gülle geht in eine Biogasanlage, mit der wir Strom für fast 1800 Haushalte erzeugen. Und da gehen tatsächlich 90% Gülle rein, ein bisschen Mais kommt da auch rein. Das braucht man, um so ein System stabil zu halten.
Tarik: Und sag mal, Birte, oft wird ja auch von der Hochleistungskuh gesprochen und der Profitgier der Landwirtinnen. Was hältst du von diesem Mythos? Stimmt das oder stimmt das nicht?
Birte: Ich hatte ja vorhin schon mal die Hochleistungskuh angesprochen und ich würde sagen, Hochleistungskuh stimmt, würde ich vollkommen zustimmen. Unsere Kühe, die geben enorm viel Milch, die sind Hochleistungskühe und das funktioniert aber auch wirklich nur durch gutes Management und durch gute Tierhaltung und durch gute Versorgung.
Tarik: Steffi, was sagst du dazu? Hochleistungskuh oder Hochleistungstier und Profitgier.
Stefanie: Ich glaube, in jedem Bereich, wo man Geld verdienen kann, gibt es bestimmt die eine oder andere Person, die eine gewisse Gier entwickelt. Davon können sich die Menschen sicherlich nicht frei machen, aber hier muss auf jeden Fall auch noch mit eine Lanze gebrochen werden für die Landwirtinnen. Man hält ja Milchkühe nicht zum Spaß. Das ist ein 24 Stunden, 7 Tage die Woche Job. Man muss immer zu Hause sein. Ist egal, ob Weihnachten, Silvester oder irgendein Geburtstag von Naomi ist, die jetzt 90 wird. Die Tiere müssen halt morgens und abends oder auch zwischendurch versorgt werden. Es kommt immer mal ein Kalb. Es ist wirklich ein so intensiver Job, den man in der Landwirtschaft gerade als tierhaltender Betrieb schaffen muss. Das ist ganz schön belastend und also wirklich Hut ab, dass es immer noch Menschen gibt, die überhaupt Lust darauf haben, das zu machen. Das wissen wir als Städter, Landeier oder was auch immer gar nicht, wie viel Arbeit und Kraft wirklich dahinter steht, um so einen tierhaltenden Betrieb am Laufen zu halten. Da muss eben einfach alles stimmen, Futtermanagement, Stallhaltungsmanagement.
Tarik: Lass uns zurück zu den Mythen und zwar zum letzten und der geht an dich, Lorenz. Die Kuh ist ein Klimakiller. Düdüm.
Lorenz: Oh my favorite. Also zunächst ist ganz wichtig da zu wissen, dass über 80% der Treibhausgasemissionen in Deutschland jetzt z.B. direkt aus fossilen Brennstoffen stammen. Also der Fokus beim Klimaschutz liegt ganz klar auf der Abkehr von diesen Energieträgern. Weltweit macht die Landwirtschaft und die Forstwirtschaft schon etwa ein Viertel der Treibhausgasemissionen aus und ein Viertel davon entstehen allein in den Verdauungsprozessen von Wiederkäuern. Also global betrachtet ist die Rinderhaltung ein ganz wichtiger Treiber für die Umwandlung von Wäldern natürlich im Grasland und Feuchtgebieten in Acker und Weideflächen auch heute noch. Und dabei wird super viel Kohlenstoff frei und man sollte sich da dann schon fragen, was könnte ich sonst mit diesem Land machen, wenn ich nicht Futter produziere. Und ich könnte z.B. Flächen aufforsten oder Moor wieder vernässen und nass oder gar nicht nutzen und damit wird sehr viel Kohlenstoff gebunden, aus der Luft gezogen und dieses Potenzial zur Kohlenstoffbindung sollte man auch immer mitdenken. Das war jetzt die globale Sicht. In Deutschland ist das alles bisschen anders, weil wir ein hochentwickeltes Industrieland sind und hier machen die Emissionen aus Landwirtschaft etwa 13% aus. Dieser kleinere Anteil liegt zum einen daran, dass wir eben ein hochentwickeltes Industrieland sind, das sehr viele Emissionen aus der Industrie hat, fossile Brennstoffe, und die deutsche Landwirtschaft, wie die Birte schon beschrieben hat, einfach abgefahren technologisch hoch entwickelt ist. Also sehr produktiv und setzt Ressourcen sehr effizient ein, was die Birte da beschrieben hat in der Ausbringung von Wirtschaftsdüngern z.B. das ist schon wirklich Wahnsinn. Und das zeigt sich auch da, wie effizient pro Fläche wir Milch erzeugen z.B. oder auch einen relativ geringen Treibhausgas-Fußabdruck pro Kilogramm Milch im internationalen Vergleich. Aber wir sind dann natürlich auf einem relativ hohen Niveau gestartet und wir haben die Moore und Wälder vor langer Zeit umgewandelt in Äcker und Weiden, was andere Regionen in der Welt jetzt erst tun und was wir dann mit großem Bauchweh beobachten. Und andererseits haben Wiederkäuer eine ganz besondere Fähigkeit, die ich vorhin schon kurz mal angesprochen habe. Die können also faserreiches Grünzeug in wertvolle Lebensmittel umwandeln und dieses faserreiche Grünzeug wächst z.B. auf Wiesen und Weiden und man nennt es auch Grünland. Und die Birte hat es gerade auch schon angesprochen, dass es manche Regionen gibt, da ist das einfach die beste Verwendung für Land, weil da vielleicht für andere Nutzungsarten, also z.B. wie Getreide oder Gemüsebau, einfach nicht so gut geeignet ist wegen Boden oder Klima. Und jetzt kommt der Link zum Klima, also Böden unter diesem Grünland, die enthalten ganz viel Humus, also organische Substanz und damit Kohlenstoff deutlich mehr als jetzt z.B. Ackerböden. Und das heißt, für den Klimaschutz ist es ganz wichtig, dass wir dieses Grünland erhalten, um eben diesen Kohlenstoff im Boden zu halten. Und Wiederkäuer sind jetzt perfekt dafür geeignet, dieses Grünland zur Nahrungsmittelproduktion zu nutzen. Also im richtigen Maß und mit einer grünlandbasierten Fütterung können Wiederkäuer durchaus Klimaschutz und Nahrungsmittelproduktion super verbinden und eben dieses faserige Grünzeug, das ist auch genau das, was die Kuh gern frisst. Und was ihrem Verdauungssystem gut tut und dann vielleicht sogar mit Weide und dann sind wir wieder bei der Tiergesundheit und beim Tierwohl.
Tarik: Ja, erstmal danke für diese ausführliche Antwort. Ich glaube, was man ja jetzt bei den Mythen auf jeden Fall merkt, ist die Tatsache, dass eine vermeintlich leichte Frage nicht unbedingt eine einfache Antwort mit sich zieht und dass die Welt und so eben auch die Landwirtschaft einfach komplexer ist und man dann doch ein bisschen mehr Wissen, Transparenz und Expertise braucht, was ja oft auf Social Media dann sonst so ein bisschen flöten geht. Und da danke ich euch, dass ihr uns da diese sehr sehr klugen Antworten gegeben habt. Bevor wir weitermachen, gibt es denn sonst noch irgendeinen Mythos, der euch immer mal wieder begegnet, wo ihr sagt: "Leute, das stimmt mal so gar nicht, wenn es um Landwirtschaft und eben Milchwirtschaft geht"?
Birte: Ich hätte vielleicht eine kleine Sache, das spielt auch wieder auf einen ähnlichen Mythos ein, den du schon erwähnt hattest und zwar die Hochleistungskuh, und da würde ich gerne einmal noch den Begriff Massentierhaltung in Raum werfen, weil der immer super negativ konnotiert ist. Ich würde mal sagen in der Gesellschaft oder auch gerade auf Social Media. Und ich kann auch irgendwoher verstehen, warum, weil wenn man sich denkt, Massentierhaltung, man sieht als Landwirt nur noch die Masse. Wie kann man sich da aufs einzelne Tier konzentrieren? Mir fällt jetzt spontan kein anderer Begriff dafür ein. Ich würde aber versuchen, das nicht so negativ zu konnotieren, weil klar, man hält irgendwie eine Masse an Tieren, aber ich weiß zumindestens von allen Landwirten, gerade bei Kühen, da wird immer noch auf jede einzelne Kuh eingegangen.
Stefanie: Ich finde auch Birte, das stimmt auf jeden Fall. Also der Begriff Massentierhaltung wird ja nun mal auch gerne in der NGO-Welt verwendet oder auch eben in den Medien, weil das ist so ein sehr einschlägiges Wort, das sich über die letzten Jahre festgesetzt hat auch in der Gesellschaft und es ist sehr negativ besetzt. Ich erinnere mich an viele Diskussionen auf irgendwelchen Podiums-Abenden, wo ich das diskutiert habe und das war immer die erste Frage und ich habe sie gehasst. Jetzt erklären Sie uns doch bitte mal, was ist denn Massentierhaltung? Und das war so anstrengend jedes Mal in diese Diskussion reinzugehen, weil wir haben einfach so viel Zeit mit diesem Begriff verschwendet und haben es nicht geschafft, dann über andere Dinge zu reden. Ich würde immer intensive Tierhaltung sagen, vielleicht ist das ein ganz guter Begriff dafür, wenn wir jetzt über einen sehr hohen Tierbestand sprechen. Weil es ist intensiv.
Birte: Finde ich gar kein schlechter Begriff, weil intensiv ja auch nicht direkt negativ konnotiert ist. Man kann ja auch das implementieren, man beschäftigt sich intensiv mit den Tieren.
Stefanie: Man kann es in verschiedene Richtungen auf jeden Fall interpretieren. Das sehe ich auch so.
Birte: Aber Massentierhaltung ist ein so eingefahrener Begriff irgendwie.
Stefanie: Auf jeden Fall, das ist sehr einseitig und deswegen verwende ich auch diesen Begriff gar nicht mehr, weil er ja einfach nur so eine sehr negative Seite widerspiegelt und dadurch gar nicht die Möglichkeit lässt, positiv über die Tierhaltung zu sprechen.
[34:10] Thema: Preise, Wettbewerbe und Tierwohl messbar machen
Tarik: Ja, sehr gut. Ich würde sagen, wir lassen jetzt mal die Mythen Mythen sein und gehen zurück in die Realität. Birte, du hast es vorhin schon ja fast schon nebenläufig gesagt, dass ihr nicht nur die goldene Olga gewonnen habt, sondern eben auch den niedersächsischen Klimasonderpreis. Ihr seid ja schon ein bisschen preisverrückt, habe ich ein bisschen das Gefühl. Jetzt frage ich mich, was kommt da noch als nächstes? Also, wenn man diese prestigeträchtigen Preise gewonnen hat, was kommt da noch und bewerbt ihr euch jetzt auch weiterhin für Wettbewerbe?
Birte: Nein. Nein, das nicht. Also, es war auch nie der Gedanke, dass wir uns beworben haben, um den Preis unbedingt zu gewinnen, sondern eher, also man wird ja auch mit anderen Betrieben verglichen und eher da einmal zu sehen, wo sind wir, wo sind Verbesserungsmöglichkeiten. Natürlich, dieser Preis war schön und das war irgendwie eine schöne Anerkennung, aber es sollte nicht das Ziel sein, nach Preisen hinterher zu eifern, sondern immer auf den Betrieb zu gucken, wie kann man den verbessern und immer besser werden. Und es gibt ja diesen Spruch, Stillstand ist Rückschritt und irgendwie stimmt's auch. Man muss halt immer mit den neuesten Technologien gehen und versuchen die neuesten Innovationen anzuwenden. Und wir arbeiten intensiv mit der Hochschule Osnabrück zusammen. Wir haben eine beratende Tierarztpraxis, die immer neuen Input gibt, mit der wir monatlich eine Bestandsbetreuung machen und da halt Daten auswerten. Und ich würde mal sagen, das A und O sind immer Zahlen, Zahlen, Zahlen. Klar, man darf das einzelne Tier nicht aus dem Blick verlieren, das ist der Alltag, aber für den Gesamtüberblick sind Zahlen das Wichtigste, weil nur so können wir uns mit anderen Betrieben vergleichen, mit uns selber vergleichen und wissen, sind wir z.B. mit dem CO2-Fußabdruck schlechter als letztes Jahr, sind wir besser, müssen wir irgendwo dran arbeiten oder können wir sagen, wir können so weitermachen, was meistens nicht die Antwort ist, sondern wir suchen immer mehr.
Tarik: Stefanie, und wie kann ich jetzt z.B. Tierwohl oder eben Tiergesundheit messen? Kannst ja nicht mit den Tieren reden, ne? Kannst nicht fragen, wie geht's? Und dann sagen sie gut, schlecht, morgen gucken wir noch mal. Aber wie kann ich denn trotzdem auch über Zahlen oder über Wissenschaft Tierwohl oder Tiergesundheit messbar machen?
Stefanie: Also, du kannst natürlich mit den Tieren reden und das passiert auch ganz oft darüber, dass du die Tiere beobachtest, also schaust, wie ist die Kuh in der Herde, wie ist das Fressverhalten, kann die gut aufstehen. Man ist ja auch als Tierhalter verpflichtet, sich um kranke Tiere zu kümmern. Da kommen wir jetzt auch so ein bisschen in diese wissenschaftliche Diskussion rein. Also, wie macht man Tierwohl messbar? Wir haben die fünf Freiheiten. Hast du davon schon mal gehört, Tarik?
Tarik: Nee, nee. Was ist das?
Stefanie: Die fünf Freiheiten wurden so, ich meine 1965 entwickelt. Kommen eher so aus diesem englischen Animal Welfare. Das ist auch immer gerne ein Begriff, der so benutzt wird, also das Tierwohl, wenn man es richtig übersetzt. Und die fünf Freiheiten beschäftigen sich damit, wie die Tiere leben sollen, damit bestimmte Dinge nicht passieren. Also Freiheit von Hunger und Durst, Freiheit von haltungsbedingten Schmerzen, Freiheit von Schmerzverletzung und Krankheit, Freiheit von Angst und Stress, aber eben auch die Freiheit, das arttypische normale Verhalten ausleben zu können. Das sind diese fünf Freiheiten, die wurden mittlerweile auch schon so ein bisschen umformuliert wieder. Da wird z.B. auch über die drei großen Kreise gesprochen, also Gesundheit der Tiere, Emotionen der Tiere, Verhalten der Tiere. Emotion ist da immer so eine Sache, die dann sehr stark diskutiert wird, wie kann man denn die Emotionen von Tieren einfangen, weil das ist sehr viel einfacher negative Emotionen so wie Angst, Stress, zu messen und auch zu sehen als jetzt vielleicht positive Emotionen. Es wird darüber diskutiert, dass Haltungsumgebungen einfach so konzipiert werden, dass die Tiere das machen können, was sie wollen. Also eben auch so eine Entscheidungsfreiheit für Tiere. Das spielt also auch in diese Diskussion Tierwohl rein. Außer wenn die Kuh Hallemuhja sagt.
Tarik: Dann ist sie natürlich voller Freude. Das ist das einzige Mu, was Freude ausdrückt. Ich muss auch gerade daran denken, wo du gerade so sagst, ja, die Kühe wollen am liebsten jeden Tag zur gleichen Uhrzeit immer das gleiche und auch dasselbe Essen. Da muss ich daran denken, dass wenn die Kuh ein Sternzeichen wäre, dann wäre sie eine Jungfrau, weil Jungfrauen brauchen auch ganz viel Ordnung, ganz viel Struktur und am liebsten immer alles in der gleichen Bahn und Frequenz.
Stefanie: Sprichst du aus Erfahrung?
Tarik: Ich bin Aszendent Jungfrau.
Stefanie: Okay.
Tarik: Aber Sternzeichen Löwe.
Stefanie: Ich bin Aszendent Löwe.
Tarik: Wirklich?
Stefanie: Ja. Sternzeichen Zwilling.
Tarik: Ah, auch interessant. Da reden wir gleich drüber. Liebe Stefanie, ich lade dich ein in meinen neuen Podcast Let's Talk About Sternzeichen, aber jetzt sind wir erstmal noch bei Let's Talk Milch.
[40:15] Thema: Verbraucherverhalten und die Rolle der Transparenz
Tarik: Und wir haben jetzt schon über so viele wichtige Dinge gesprochen. Ich habe natürlich wie immer eine ganze Menge gelernt, die Hörerinnen natürlich auch. Eine Perspektive fehlt mir aber noch ein bisschen und über die sprechen wir jetzt und das sind die Verbraucherinnen. Denn ihr drei, ihr seid ja nicht nur Expertinnen, ihr seid ja auch Verbraucherinnen und ich bin auch ein Verbraucher. Die Hörerinnen sind es sowieso und deswegen brauchen wir diese Perspektive jetzt auch noch. Stefanie, ich meine, du kennst dich mit dem Thema Tierwohl, Tiergesundheit, Nachhaltigkeit bestens aus, bist aber eben auch Verbraucherin. Wenn du jetzt in den Supermarkt gehst, landet dann nur Bio bei dir im Warenkorb?
Stefanie: Also, ich gebe zu, wir haben schon einen sehr großen Bioeinkaufskorb. Ich versuche zum Teil schon viele tierische Produkte Bio zu kaufen. Vor allen Dingen achte ich auch darauf, wenn ich jetzt Fleisch kaufe, dass ich das da kaufe, wo ich dann eben auch die Produzenten kenne. Das ist mir irgendwie sehr wichtig, weil ich das aber auch kann als Verbraucher. Ich habe ja die Wahl, das ist ja immer das Schöne, wenn man in den Supermarkt geht, dann hat man ja die Wahl. Im Milchbereich, ach, das ist so ganz unterschiedlich. Also, ich kaufe auch Milch von konventionellen Betrieben. Ich kaufe Milch von Betrieben, die gebundene Kälberaufzucht anbieten. Hast du davon schon mal gehört, dass die Kälber bei Ammen oder bei der eigenen Mutter trinken dürfen? Das ist so eine besondere Aufzucht. Das findet man vorwiegend im Biobereich. Ich kaufe aber auch Weidemilch.
Tarik: Birte, wie ist es bei dir? Kaufst du nur Bio oder wie stehst du auch allgemein zu dem Konzept von Bio und man sagt konventioneller Landwirtschaft?
Birte: Also ich würde mal ganz reißerisch sagen, ich kauf gar kein Bio bis auf Ingwer, weil Ingwer habe ich noch nie nicht Bio gesehen. Aber nein, wir haben einen konventionellen Hof. Ich stehe hinter der konventionellen Tierhaltung einfach so gerade bei Kühen, einfach weil ich weiß, dass es unseren Tieren zu Hause gut geht und ich überzeugt davon bin. Worauf ich viel mehr achte als welche Form, ist, dass es regional ist. Ich weiß nicht, ob das alle Verbraucher wissen, aber z.B. auf eigentlich fast jedem Milchprodukt steht hinten die Molkerei drauf und wo der Standort ist und ich gucke eigentlich beim Einkauf immer drauf, wo kommt sie her und wenn ich sehe, okay, da steht Bayern drauf, dann stelle ich es wieder zurück und nehm anderen Joghurt, weil ich muss keinen Joghurt aus Bayern kaufen, wenn in Niedersachsen einer hergestellt wird. Was ich ganz wichtig finde zu sagen, also nicht konventionell ist der Goldstandard und nicht Bio ist der Goldstandard. Wahrscheinlich liegt die beste Lösung irgendwo dazwischen und ich würde aber auch versuchen keinem Menschen reinzureden, was er kaufen soll, weil letztendlich ist Ernährung ja doch was sehr Persönliches. Das ist das, was man seinem Körper als Nährstoff gibt und ich finde, da sollte jeder entscheiden dürfen, was er da zu sich nimmt. Und ich kann mit gutem Gewissen meinem Körper alles an Nährstoffen aus konventionellen Produkten geben. Andere sagen vielleicht, boah, das ist gar nicht meins. Und ich finde, das sollte man dann auch so akzeptieren.
Tarik: Lorenz, was denkst du denn? Saisonal, regional, nachhaltig, fair, konventionell, viele Verbraucherinnen und auch ich komme da ja ein bisschen auch an die eigenen Grenzen. Wie ist es bei dir?
Lorenz: Also, ich versuche saisonal, regional und Bio zu kaufen. Bin da aber jetzt auch nicht irgendwie sklavisch dahinter und grundsätzlich achte ich drauf, dass der Schwerpunkt auf pflanzlichen Lebensmitteln liegt. Ich esse aber auch sehr gern Milchprodukte und Eier und manchmal auch Fleisch. Also gerade Milchprodukte und Eier sind schon fester Bestandteil meiner Ernährung. Ich freue mich aber immer, wenn ich z.B. vegan gekocht habe und es war lecker und ich bin satt und glücklich und mir hat nichts gefehlt.
Tarik: Lorenz, pass auf, wir haben ja vorhin viel darüber gesprochen, was jetzt der CO2-Fußabdruck so aus der Perspektive von Landwirtinnen macht, was haben denn Verbraucherinnen davon, wenn Milchhöfe ihren CO2-Fußabdruck ermitteln?
Lorenz: Also das eine wäre mal, dass die Betriebe vielleicht Möglichkeiten finden, Treibhausgase zu reduzieren. Das ist so diese detaillierte Aufdröselung am Betrieb. Was der Birte dann vielleicht hilft, da an bestimmten Schräubchen zu drehen. Und das andere ist, dass wir als Gesellschaft halt wie gesagt gerade dabei sind, Treibhausgasemissionen in allen Wirtschaftsbereichen transparent zu machen. Diese Transparenz ist wichtig, wenn wir als Gesellschaft gemeinsam in die richtige Richtung steuern wollen und genau die Berechnung von Treibhausgasemissionen auf landwirtschaftlichen Betrieben und dieser CO2-Fußabdruck am Ende eben, das ist einfach ein Teil von dieser Entwicklung.
Tarik: Transparenz ist ein gutes Stichwort für dich, Stefanie, wenn es um die Milchwirtschaft geht und das Thema Transparenz auch eben für Verbraucherinnen, wo stehen wir da gerade? Würdest du sagen, wir sind auf einem guten Weg oder wo gibt's noch Dinge, wo Transparenz irgendwie noch wichtiger werden müsste? Was meinst du?
Stefanie: Also, wenn wir jetzt z.B. mal Richtung Brancheninitiative schauen, da fällt mir die Haltungsform ein. Das ist ja ein Instrument der Transparenz. Also, da wird ja dann dargestellt, wie die Tiere gelebt haben. Das hilft dem Verbraucher, der Verbraucherin auf jeden Fall im ersten Schritt um erstmal herauszufinden, okay, ist das jetzt eine Haltung, die ich unterstützen möchte mit meinem Kauf? Und Transparenz ist einfach total wichtig, weil das ist wirklich etwas, was sich die Gesellschaft wünscht. Wir haben es ja nicht mit 80 Millionen Landwirtinnen hier in diesem Land zu tun, sondern es ist ja ein kleiner Teil Landwirtschaft und ein ganz großer Teil landwirtschaftliche Experten, die ja alle immer wissen, wie man es besser macht, und deswegen brauchen wir halt Transparenz. Und dieser Podcast z.B. heute hilft ja auch Transparenz zu schaffen.
Tarik: Und sag mal, kennst du auch Leute, die sagen regional saisonal nachhaltig, geh mir weg, ich habe keine Lust mehr mich mit diesen Themen auseinanderzusetzen? Also Leute, die es einfach leid sind, die sagen, ich esse was ich esse und gucke halt einfach nicht drauf und wenn es mir schmeckt, dann schmeckt's mir?
Stefanie: Ja, das ist ein Großteil der Bevölkerung, die sich da mit diesen Themen nicht beschäftigen. Ich meine, wir drei in der Runde oder auch vier. Natürlich möchte ich dich hier nicht ausgrenzen, Tarik, entschuldige. Also, wir vier in der Runde, wir beschäftigen uns ja mit dieser Thematik Nachhaltigkeit, regional, saisonal, Tierwohl und ganz viele haben einfach gar nicht die Zeit oder einfach ihren Kopf auch in ganz anderen alltäglichen Problemchen. Und da denke ich halt ist so eine Transparenz, eine Aufklärung ganz wichtig. Die muss nicht nur auf den Höfen stattfinden, sondern kann genauso gut auch im Supermarkt stattfinden.
Tarik: Dann gebe ich den Ball mal direkt weiter an Lorenz. Was muss denn passieren, damit Verbraucherinnen noch besser abgeholt werden und wie kann man dann z.B. als Verbraucher in den Hof von jetzt unterstützen?
Lorenz: Also ich würde, ich reite jetzt mal weiter auf meinem Steckenpferd Grünland. Ich würde kommunizieren, diese Verbindung zwischen Kühen, Grünland und Klima, das fände ich interessant, wenn das noch besser rüberkommt, weil das wissen viele nicht. Also, erstens, dass die Superpower von der Kuh faseriges Grünzeug in Milch verwandeln, und die mögen das auch noch. Und dann zweitens, dieses Futter wächst eben auf Grünland und unter Grünland liegt viel Kohlenstoff und drittens, Rinder nutzen und erhalten dieses Grünland und verbinden damit Klimaschutz und Nahrungsmittelproduktion. Das finde ich ganz wichtig, dass man das kommuniziert, weil viele diesen Zusammenhang nicht wissen und das ist ein ganz wichtiger Zusammenhang, wenn es um Kuh und Milcherzeugung und Klima geht. Und ja, was können die Verbraucher Verbraucherinnen dafür tun? Also natürlich einfach, ich würde sagen schon nicht zu wenig Geld ausgeben für Milchprodukte. Und wir sind ja nicht nur Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern auch Menschen in der Demokratie. Es gibt also auch andere Wege Einfluss zu nehmen, also z.B. wählen gehen.
Stefanie: Finde ich auf jeden Fall genau wichtig. Was wir also brauchen ist z.B. Geschichten erzählen. Das habe ich ganz deutlich gemerkt, als ich das Buch mitgeschrieben habe, denn diese Geschichten, das was sich auf den Betrieben abspielt, die Verbindung zwischen den Menschen und ihren Tieren, das hat so viel Sprengkraft und das hat so viel Emotionalität und das ist etwas, was Verbraucherinnen auch wahnsinnig mitzieht. Also diese Freude, das was auch Birte gesagt hat, das was man ihr auch wirklich so anmerkt, die Freude am und mit dem Tier, an der Arbeit mit dem Tier, fernab von jeglichem Gedanken, ich muss jetzt Geld verdienen, sondern auch wirklich die Freude mit diesen wunderbaren Tieren, den Kühen, jeden Tag zu tun zu haben und auch mit den Kälbern. Also, das gibt einem persönlich ganz viel und ich glaube, wir müssen auch diese Geschichten noch viel tiefer in die Gesellschaft bringen, um auch zu zeigen, es lohnt sich wirklich Geld für die Milch auszugeben und sie nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern einfach als das, was sie ist, nämlich weißes Gold. Leider wird's im Moment nicht wie Gold bezahlt, aber wenn wir da wieder so ein Stückchen hinkämen, dann wäre doch schon ganz ganz viel erreicht.
Tarik: Jetzt haben wir ganz darüber gesprochen, was wir tun können, um Birte zu unterstützen. Und Birte, du hast noch gar nichts gesagt und du bist vielleicht die erste Person, die ich hätte fragen sollen, was z.B. ich als Verbraucher auch tun kann, um auch deinen Hof oder deine Familie dabei zu unterstützen. Ja, weiterhin einfach eure wichtige Arbeit und diesen nachhaltigen Weg auch fortführen zu können.
Birte: Wie gesagt, ich hatte eben die deutsche Landwirtschaft erwähnt, dass man halt viel auf Regionalität und Saisonalität achtet. Das habe ich aber auch erziehungsmäßig so beigebracht bekommen, was für mich gar nicht geht, ich würde mir niemals im Dezember Himbeeren kaufen. Das ist für mich irgendwie ein No-Go. Ich weiß, dass jetzt gerade Himbeersaison ist, dass sie jetzt wachsen. Jetzt genieße ich das und dann ist es halt auch was Besonderes. Und auch importierte Lebensmittel, sprich Avocados, Bananen, esse ich auch gerne. Ich versuche drauf zu verzichten. Ich würde mal sagen, mein größtes Manko ist der Kaffee. Darauf zu verzichten, das ist hart. Das tue ich auch nicht. Aber einfach, weil ich ja selber weiß, wie es ist, Lebensmittel zu produzieren und was für eine Arbeit dahinter steckt und was für tolle Lebensmittel man auch in Deutschland produzieren kann. Und auch diese klassischen Superfoods, also was z.B. super cool ist, sind Lupinen oder so. Das kann man alles in Deutschland produzieren und darauf würde ich halt achten. Und ja, um uns speziell als Milchlandwirt zu unterstützen, ist natürlich super cool, sich irgendwie eigeninitiativ zu informieren. Also, wir bieten auch viel Öffentlichkeitsarbeit an, vielleicht auch einfach mal mehr auf Landwirte zuzugehen. Und was ich von beiden Seiten merke, sowohl von den Verbrauchern als auch von den Landwirtinnen, ist, dass es immer so ein sehr hartes Gegeneinander ist und dass man da vielleicht eher versucht ein Miteinander zu erreichen. Dass man sagt, okay, irgendwie weiß ich nicht, wie die Kühe gehalten werden, aber ich weiß da drüben, da fahre ich doch immer an dem Milchhof vorbei. Vielleicht halte ich nächstes Mal, wenn ich eine Stunde früher Feierabend hab, da mal an und frag, ob ich mal beim Melken zugucken darf. Und genauso auch, dass die Landwirte nicht immer sagen, boah ja, die Verbraucher wissen ja gar nicht, wie es läuft und wir haben den harten Job und die haben ja gar keine Ahnung. Also natürlich haben die keine Ahnung, die haben es ja auch nicht gelernt. Ich habe ja auch keine Ahnung, wie eine Pflegekraft arbeitet, weil das habe ich nicht gelernt, sondern man muss halt einen Schritt mehr aufeinander zugehen. Also das würde ich mir wünschen. Einfach eine offenere, ehrlichere Kommunikation und eine Diskussion muss nicht immer bedeuten, dass man den Menschen vom Gegenteil oder von seiner Meinung überzeugt, sondern es soll einfach erstmal das Verständnis fördern und das wäre mir wichtig.
[50:15] Thema: Ein Blick in die Zukunft der Branche und Verabschiedung
Tarik: Also ein Hoch auf das Miteinander, ich meine besser kann doch ein Podcast nicht enden. Bevor wir aber tatsächlich enden, habe ich noch eine Frage an euch, denn wir haben ja jetzt gemerkt, die Branche ist in Aufbruchstimmung. Es passiert eine ganze Menge. Die Milch bewegt sich und auch viele andere. Und da will ich von euch jetzt gerne wissen zum Schluss, was sagt ihr, was bewegt sich denn gerade am meisten oder wo bewegt sich denn gerade in der Branche besonders viel und worauf können wir uns in 20 Jahren freuen? Stefanie?
Stefanie: Worauf können wir uns in 20 Jahren freuen? Also, ich glaube, wenn wir uns einfach anschauen, was gesellschaftlich passiert, dass eben Ernährungsfragen diskutiert werden. Wie wollen wir uns ernähren, was wollen wir essen, im Fleischbereich? Wir reden viel über Laborfleisch, Fleischalternativen, Proteinalternativen und auch im Milchbereich ist das etwas, was viel diskutiert wird. Ich glaube, es wird sich schon noch was verändern in der Tierhaltung. Was mich z.B. im Moment sehr freut, ist einfach überhaupt der Dialog in der Milchviehhaltung, viele neue Ideen, die auch in den letzten Jahren aufgekommen sind. Ich hatte es vorhin ja schon einmal erwähnt, das Thema ammengebundene Kälberaufzucht oder auch kuhgebundene Kälberaufzucht ist so ein kleines Herzensthema noch damals aus meiner NGO-Zeit, da habe ich auch viel mit angestoßen und das finde ich einfach sehr schön, dass so etwas auch jetzt schon sehr viel breiter diskutiert wird, vielleicht noch nicht im konventionellen Bereich. Man kann auch niemanden vorschreiben, wie er seine Tiere halten will, aber ich finde es einfach sehr schön, dass sich viele Menschen aufmachen im landwirtschaftlichen Bereich Veränderungen anzustreben, CO2-Emissionen aufzunehmen. Das ist finde ich einfach auch großartig, dass es junge Menschen gibt, die sich vorstellen können auch zukünftig den Beruf noch einzuschlagen und da sehe ich einfach ganz ganz viele Chancen für die Landwirtschaft der Zukunft und vor allen Dingen auch für die Tierhaltung und Milchviehhaltung der Zukunft.
Tarik: Danke dir, Lorenz.
Lorenz: Ja, ich finde zum einen, was die Birte vorhin so ein bisschen angesprochen hat, das finde ich auch, dass also Bio und konventionell vielleicht sich irgendwo in der Mitte treffen und so gegenseitig das Gute vom anderen System mitnehmen und was Neues schaffen zusammen. Das wäre so meine Hoffnung für in 20 Jahren, dass wir da was Tolles entwickeln draus.
Tarik: Und das letzte Wort gehört natürlich wie immer der Jugend und der jungen Generation der Gen Z, Birte. Was bewegt dich in den nächsten Jahren oder was wird dich in den nächsten Jahren am meisten bewegt haben?
Birte: Also ich denke, dass mich am meisten bewegt haben wird, ist doch das Thema Nachhaltigkeit, einfach weil ich das persönlich auch wichtig finde, nicht nur als Landwirtin, sondern auch einfach als junge Generation, weil ich merke, was für Auswirkungen der Klimawandel hat. Und was man auch nie vergessen darf, der Landwirt oder die Landwirtin arbeitet so intensiv mit der Natur zusammen. Wir merken den Klimawandel wahrscheinlich mit am ehesten in jeglicher Form. Und ein weiteres Thema wäre halt einfach die offene Kommunikation, dass man mit dem Verbraucher in den Austausch geht und dass man halt mehr Verständnis schafft.
Tarik: Bleibt mir nicht mehr viel zu sagen, außer Mr. Cool zu zitieren von unserem Milchsong und zwar Hallemuhja. Birte, Stefanie und Lorenz, vielen Dank, dass ihr heute hier wart und vielen Dank an alle, die zugehört haben. Mein Fazit ist auf jeden Fall die Milch macht's und sie macht bereits viel mehr als viele denken. Vom Gras ins Glas optimiert die Generation Z smarte Kreisläufe. Sie senkt ihre Emissionen auf dem Hof und übernimmt Verantwortung für die Zukunft. Und ohne Transparenz geht natürlich gar nichts, denn wir Verbraucherinnen wollen natürlich wissen, was in der Milchbranche alles so abgeht. Das war Let's Talk Milch von der Initiative Milch zum Thema Tierwohl und Klimaschutz, Verantwortung für die Zukunft. Bis zum nächsten Mal und bis dahin bleibt in Bewegung sowie die Milch. In diesem Sinne Musik ab. [Podcast-Musik]
Ein offener Dialog und die gemeinsame Suche nach Lösungen ist einfach wahnsinnig wichtig.
Stephanie Pöpken
Die Landwirtin in vierter Generation studiert Agrarwissenschaften an der Hochschule Kiel und arbeitet als Projektmanagerin bei einem Verein für Landtechnik-Unternehmen. Sie und ihre Familie haben 2022 sowohl den niedersächsischen Milchlandpreis als auch den Klima-Sonderpreis gewonnen. Als sogenannter Versuchsbetrieb arbeiten sie eng mit der Forschung zusammen und gehen ständig neue Wege, um Betriebsabläufe zu optimieren.
Birte Westrup auf LinkedIn
Die Beraterin setzt sich für einen differenzierten und fair geführten Diskurs über Tierwohl in der Nutzviehhaltung ein. Dabei versucht sie, zwischen Landwirt:innen und Verbraucher:innen zu vermitteln. Das ist auch ein Grund, warum die ehemalige Aktivistin heute in beratender Funktion tätig ist. Sie plädiert dafür, mit Best-Practice-Beispielen zu einer konstruktiven Debatte über das Tierwohl beizutragen.
Stefanie Pöpken auf LinkedIn
Zum Buch "Nutztiere"
Der wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Agrarökonomie an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) entwickelt gemeinsam mit seinem Team den Klima-Check kontinuierlich weiter und trägt dazu bei, den Klimaschutz in der Landwirtschaft mit Hilfe verlässlicher und vergleichbarer Daten voranzutreiben.
Lorenz Maurer auf LinkedIn
Der Moderator und Podcaster ist bekannt aus dem Online-Format „Jäger & Sammler“ im ZDF und der Talkshow „deep und deutlich“ im NDR. Im Podcast „Tratsch & Tacheles“ spricht er mit der Moderatorin Hadnet Tesfai offen und ehrlich über die latest news aus der Popkultur. Mit seinen glamourösen Fashion-Statements auf seinen Social-Media-Kanälen gilt Tarik als der deutsche Billy Porter.
