Gewusst, dass ... ?

Die Milch auf dem nachhaltigen Weg

Den Verlust von Nährstoffen vermeiden und Ressourcen sinnvoll nutzen – das sind seit jeher Kerngedanken einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, die Ackerbau, Grünland und Viehhaltung miteinander verbindet. Landwirt:innen arbeiten täglich daran, Kreisläufe noch besser zu gestalten. Jede:r auf seine Weise, vielfach auch wissenschaftlich unterstützt.

Das Staatsgut Grub beispielsweise entwickelt bereits seit 100 Jahren Wissen kontinuierlich weiter. Marius Götz arbeitet dort als Bereichsleiter und ist spezialisiert auf Tierhaltung, -gesundheit und Fütterung. Was er unter einer nachhaltigen Land- und Milchwirtschaft versteht, verrät er uns im Let’s talk Milch-Podcast in der Folge “Milch der Zukunft”: “Nachhaltig ist, wenn wir regionale, im besten Fall eigene Futtermittel an die Kühe verfüttern, die daraus Milch herstellen. Und wenn wir selbst aus den Reststoffen, sprich Kot und Harn, noch Energie in Form von Wärme und Strom oder aber Wirtschaftsdünger gewinnen.”

Marius Götz beschreibt hier eine Form der Kreislaufwirtschaft, wie sie im Grundsatz seit tausenden von Jahren von Landwirt:innen betrieben wird. Sie macht sich den natürlichen Kreislauf zu Nutze, in dem Wiederkäuer und Grasland eine ökologische Einheit bilden. Landwirt:innen arbeiten daran, die Kreisläufe weiter zu verbessern und Emissionen zu verringern. Sie gehen umsichtig mit Ressourcen um und haben das Wohl ihrer Tiere im Blick.

Was ist "Nachhaltigkeit?"

Das Prinzip der Nachhaltigkeit wurde zuerst 1713 von Hans Carl von Carlowitz formuliert: Im Hinblick auf die Forstwirtschaft forderte er, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden solle, wie durch planmäßige Aufforstung nachwachsen könne. Inzwischen zählt Nachhaltigkeit zu den großen Verantwortlichkeiten von Politik und Wirtschaft.

Die Grundidee des Prinzips wird vom Rat für Nachhaltige Entwicklung, den die Bundesregierung berufen hat, so zusammengefasst: „Nachhaltige Entwicklung heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen. Zukunftsfähig wirtschaften bedeutet also: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.“ In der Landwirtschaft kommt Tierwohl als vierter Gesichtspunkt für nachhaltiges Wirtschaften hinzu.(1)

Was bedeutet das konkret für die Branche?

Nachhaltigkeit umfasst also mehr als die Reduktion von Kohlenstoffdioxid, wenngleich das für uns alle das Gebot der Stunde ist. Tomke Lindena, Project Leader beim Thünen Institut: “Also, ich frage mich erst mal bei dem Begriff Klimakiller: Was heißt das? Bin ich es, wenn ich morgens mein Kind mit dem SUV in die Kita fahre? Oder weil ich mir Avocado aufs Brot schmiere?“ Fakt ist: der gesamte landwirtschaftliche Sektor trägt ungefähr 7 bis 8 Prozent der gesamten Emissionen von Deutschland bei.”(2)

Mit zunehmender Energieeffizienz der Betriebe und sinkenden Emissionen hat die Branche hierzulande schon einiges erreicht. In 2022 hat die Landwirtschaft als einziger Wirtschaftsbereich ihr Klimaziel übererfüllt. Und: Pro Liter Milch, der in Deutschland hergestellt wird, werden etwa ein Kilogramm CO2-Äquivalente freigesetzt – gut halb so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Weil die Landwirt:innen bedarfsgerecht und hochwertig vor allem mit heimischen Futtermitteln füttern können.(3)

Auch an anderen Stellschrauben wird gearbeitet, um beispielsweise mit erneuerbarer Energie zu wirtschaften oder Biogas zu nutzen. Zu den Maßnahmen, die auf eine zukunftsfähige Milchwirtschaft einzahlen, gehören eine bedarfsgerechte Fütterung, eine gute Tiergesundheit und das Energiemanagement der Betriebe.

Nachhaltigkeit messen – aber wie?

Eine große Herausforderung ist es, eindeutige allgemeingültige Kriterien zu definieren, um so das Thema Nachhaltigkeit greifbar zu machen. Aktuell fehlt ein einheitliches Modell, das z. B. auf Verpackungen abschließend Vergleiche verschiedener Lebensmittel oder auch Wirtschaftsbereiche für Verbraucher einfach darstellen kann. Nichtsdestotrotz können wir heute für einen Hof oder einen milchverarbeitenden Betrieb Emissionen messen und über einen längeren Zeitraum verfolgen, so dass die Entwicklung der Nachhaltigkeitsbemühungen nachgehalten werden kann.

Ein guter Anfang: Frei zugängliche spezielle Onlinetools, mit denen sich der CO2-Fußabdruck für einen Hof berechnen lässt. Dazu gehören z.B. das Cool Farm Tool, TEKLa (Treibhausgas-Emissions-Kalkulator-Landwirtschaft) der Landwirtschaftskammer Niedersachsen oder der CO2 Rechner der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL). Landwirt:innen geben in die Rechner verschiedene Daten ihrer Milchkuhhaltung ein – von der Fütterung über die Wirtschaftsdünger-Lagerung bis hin zur Milchmenge. Die Ergebnisse zeigen auf, wo Verbesserungspotenziale sind.

Darüber hinaus gibt es einige aktuelle Ansätze und Modelle in der Landwirtschaft, um das Handeln auf dem Hof entlang wissenschaftlich erarbeiteter Kriterien nachzuvollziehen.

Das QM-Nachhaltigkeitsmodul

Seit 2017 gibt es das QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch als Branchenlösung für alle Molkereien in Deutschland. An dem Modul haben Wissenschafter:innen, Milcherzeuger:innen, Molkereien und der Lebensmitteleinzelhandel mitgewirkt. Auch die Politik und NGOs waren in die Entwicklung eingebunden. Tomke Lindena zur Entstehung: “Die zentrale Frage war: Was muss man sich genau auf Milchviehbetrieben angucken, um Aussagen zum Thema Nachhaltigkeit zu finden? Und mit diesem Kernanliegen sind dann die Molkereien und die Milcherzeuger vor über zehn Jahren auf das Thünen-Institut aktiv zugekommen und haben gefragt: Könnt ihr uns wissenschaftlich helfen, darauf Antworten zu finden? Das war letztendlich die Geburtsstunde des QM-Nachhaltigkeitsmodul Milch.”

Heute wird das Projekt vom QM-Milch e.V. und dem Thünen-Institut geleitet und über 30 Molkereien und Milcherzeugergemeinschaften nehmen teil. Daten von jedem vierten Milchviehbetrieb, jeder dritten Milchkuh und jedem zehnten Hektar (Stand 09/2023) ermöglichen einen umfassenden und transparenten Blick auf den Status Quo. Das Modul erfasst und bewertet 86 Kriterien aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Soziales und Tierwohl und unterstützt Milchwirt:innen dabei, auf der Grundlage aussagekräftiger Daten wichtige Zukunftsentscheidungen zu treffen. So können Verbesserungs- und Optimierungspotenziale identifiziert und ein öffentlicher Dialog angestoßen werden. In unserem Podcast “Let’s talk Milch” formuliert es Tomke Lindena vom Thünen-Institut in der Folge "Nachhaltigkeit messen, aber wie?” von Let’s Talk Milch so: “Wir haben Nachhaltigkeit mit Themen und Kriterien unterlegt, die für das tägliche Handeln der Landwirt:innen eine Rolle spielen. Damit machen wir Nachhaltigkeit greifbar und decken auf: Wo können wir jetzt besser werden? Wo kann man wirklich was anpacken?” So werden aus ersten Ideen und Daten tragfähige und alltagstaugliche Konzepte.

Daten sammeln, Konzepte erproben, Wissen teilen

Es gibt zahlreiche umfangreiche smarte Programme und Konzepte, die Fortschritte und Nachhaltigkeit in Kooperationen gezielt fördern und weiterentwickeln – Wissenschaft und Praxis gehen dabei Hand in Hand. Weil die Herausforderungen in Sachen Klima so groß sind, sind sie nur gemeinsam zu lösen. Das heißt: von anderen lernen und Kollaboration über Branchengrenzen hinweg aktiv fördern.

Enkelfähig zu wirtschaften ist das Selbstverständnis der Milchviehbetriebe, die vorwiegend in Familienhand sind. Dabei ist jeder Hof individuell, jede Region birgt Besonderheiten wie Berge, Moore oder besonders trockene Böden. Deshalb gibt es kein allgemeingültiges Nachhaltigkeitskonzept. Vielmehr braucht es den Überblick der Stärken eines Betriebs und der Schwächen, um da gezielt anzusetzen. Dabei sollen praxistaugliche Konzepte für den Alltag der Landwirte entwickelt werden, die sich auch betriebswirtschaftlich bewähren. Hier geht die Generation Zukunft auf den Höfen und in den milchverarbeitenden Betrieben voran.

Quellen

1) QM-Milch e.V./Nachhaltigkeitsmodul
2) Deutscher Bauernverband 
3) Dialog Milch, Interview mit Martin Hünerberg