Milch-Fachreferentin Carmen Natterer im Interview
Ganz Europa ächzt unter immer heißeren Sommern. Eine enorme Belastung für Milchkühe, die schnell unter Hitzestress geraten. Im Interview erklärt Carmen Natterer vom Verband der Milcherzeuger Bayern e. V., am Beispiel deutscher Landwirt:innen, wie Milchhöfe in Europa mit Smart Farming ihr Stallmanagement für das Tierwohl digitalisieren.
Auf einem Milchviehbetrieb aufgewachsen, studierte sie Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim, wo sie bereits im Studium sowiee auf dem elterlichen Betrieb wertvolle Erfahrungen in der Praxis sammeln konnte. Seit 2025 ist sie als Fachreferentin für Milch beim Verband der Milcherzeuger Bayern e. V. (VMB) tätig. Aktuell bereitet sie dort unter anderem die Landwirt:innen auf die neue Revision des QM-Standards vor, die am Juli 2026 in Kraft getreten ist.
Viele denken, Kühe mögen es besonders warm. Tatsächlich sind Milchkühe jedoch sehr gut an kühlere Temperaturen angepasst. Je nach Leistungsniveau und Haltungsbedingungen fühlen sie sich bei etwa 5 bis 15 °C besonders wohl. Wärme und hohe Luftfeuchtigkeit können sie dagegen deutlich stärker belasten. Erste Anzeichen von Hitzestress können bei empfindlichen Tieren bereits ab etwa 20 °C auftreten. Die Kühe fressen dann häufig weniger, trinken mehr und zeigen eine erhöhte Atemfrequenz. Das fordert den Stoffwechsel und kann bei längerer Belastung die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Tiere beeinträchtigen. Durch die zunehmenden Hitzesommer wird das Thema Hitzestress für Milchviehbetriebe in vielen Regionen Europas immer wichtiger.
Übrigens ist ein gutes Stallklima auch im Winter entscheidend, um die Tiere beispielsweise vor kalter Zugluft zu schützen. Und nicht zuletzt profitiert ebenso der Mensch: Angenehme Arbeitsbedingungen im Stall erleichtern den Landwirt:innen den täglichen Arbeitsalltag enorm.
Kühe schätzen den Aufenthalt im Freien, besonders wenn die Bedingungen angenehm sind. An heißen Sommertagen suchen sie jedoch gezielt Orte auf, an denen sie Hitzebelastung vermeiden können. Ein gut ausgestatteter Stall bietet häufig mehr Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung und kann durch eine gute Belüftung, Ventilatoren oder weitere Kühlsysteme ein angenehmeres Klima schaffen als eine ungeschützte Weide.
Entscheidend für das Wohlbefinden der Tiere ist daher nicht allein, ob sie im Stall oder auf der Weide stehen, sondern wie die Haltungsbedingungen gestaltet sind. Ein moderner Laufstall mit komfortablen Liegeflächen, ausreichend Platz, guter Luftqualität und ständig verfügbarem Wasser kann ein sehr hohes Maß an Tierwohl bieten. Gleichzeitig kann auch eine Weidehaltung sehr tiergerecht sein, wenn ausreichend Schatten, Wasser und Schutz vorhanden sind.
Kühe sind zudem Gewohnheitstiere und leben in einer sozialen Rangordnung. Nicht jedes Tier nutzt automatisch den optimalen Platz, weshalb ein gutes Stall- und Herdenmanagement wichtig ist. Ziel ist es, allen Kühen jederzeit Zugang zu angenehmen Klimabedingungen und wichtigen Ressourcen wie Futter, Wasser und Liegeflächen zu ermöglichen.
„Smart Farming“ bezeichnet den Einsatz digitaler Technologien und datenbasierter Systeme in der Landwirtschaft, um Abläufe besser zu steuern, Risiken früher zu erkennen und die tägliche Arbeit auf den Betrieben überall in der EU gezielt zu unterstützen. Ziel ist es, die Erfahrung der Landwirt:innen durch zusätzliche Daten zu ergänzen und so Tierwohl, Ressourceneinsatz und betriebliche Abläufe weiter zu verbessern.
Der Einsatz digitaler Technologien in der Landwirtschaft nimmt in Europa zu, auch wenn der Technisierungsgrad je nach Land, Region und Betrieb unterschiedlich ist. Automatisierte Systeme wie Melkroboter, Fütterungstechnik oder digitale Herdenmanagementprogramme unterstützen bereits viele Milchviehbetriebe im täglichen Arbeitsablauf.
Gerade beim Thema Hitzestress bieten digitale Lösungen wertvolle Unterstützung.
Carmen Natterer
Gerade beim Thema Hitzestress bieten digitale Lösungen wertvolle Unterstützung: Sensoren und Klimamessgeräte erfassen kontinuierlich Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Stallklima. Auf Basis dieser Daten können moderne Lüftungs- und Kühlsysteme automatisch gesteuert werden. Steigen beispielsweise die Temperaturen oder verschlechtern sich die Klimabedingungen im Stall, können Ventilatoren selbstständig aktiviert oder angepasst werden, ohne dass der oder die Landwirt:in aktiv eingreifen muss. Auch Tierdaten liefern wichtige Hinweise: Sensoren erfassen beispielsweise Bewegungsaktivität, Fressverhalten oder Wiederkauverhalten und können Veränderungen frühzeitig sichtbar machen. Dadurch können Landwirt:innen schneller reagieren und gezielt Maßnahmen einleiten.
Moderne Milchviehbetriebe setzen zudem zunehmend auf eine effiziente und nachhaltige Energieversorgung. Viele Betriebe nutzen beispielsweise Photovoltaikanlagen auf Stallgebäuden, um einen Teil des benötigten Stroms selbst zu erzeugen. Der Solarstrom kann unter anderem für technische Anlagen wie Ventilatoren, Lüftungssysteme oder Milchkühlung genutzt werden. Smart Farming verbindet damit digitale Datenerfassung, automatisierte Steuerung und die Erfahrung der Landwirt:innen.
Digitale Sensoren können frühzeitig erkennen, wenn sich das Verhalten von Kühen verändert, wenn sie zum Beispiel bei Hitze weniger fressen, weniger wiederkäuen oder weniger aktiv sind. Ergänzend liefern Stallklimasensoren den sogenannten Temperature-Humidity-Index (THI), der aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit Schwellenwerte berechnet. Auf dieser Grundlage können Landwirt:innen sofort reagieren und Ventilatoren zielgerichtet ansteuern. Durch diese Technologien verändert sich auch das Berufsbild der Landwirt:innen in der europäischen Milchwirtschaft: Harte, körperliche Routinetätigkeiten werden zunehmend durch automatisierte Systeme unterstützt. Landwirt:innen werden stärker zu Betriebsmanager:innen, die mehr Zeit damit verbringen, Daten auszuwerten und datenbasierte Entscheidungen zu treffen.
Solche Projekte sind enorm wichtig, denn die Landwirtschaft in Europa steht vor großen Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel und effizienterer Produktionsweisen. Deutschland geht hier mit gutem Beispiel voran. Das vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat geförderte Projekt verbindet dabei wissenschaftliche Forschung eng mit der Praxis auf deutschen Höfen, um digitale Lösungen für die Milchviehhaltung zu entwickeln und Erfahrungen für die Zukunft der Landwirtschaft nutzbar zu machen. Wir als VMB sind zwar nicht direkt Teil des Projekts, sondern begleiten es lediglich. Ich sehe darin jedoch eine große Chance für die Branche. Für weiterführende Ergebnisse verweisen wir gerne direkt auf die Projektleitung. Mehr über DigiMilchPro erfahren
Disclaimer
Von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen des Autors bzw. der Autoren und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für die Forschung (REA) wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können dafür verantwortlich gemacht werden. Weitere Informationen zu einer ausgewogenen und gesunden Ernährung finden Sie hier: Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
Die europäische Milchwirtschaft steht für Qualität, Vielfalt und Verantwortung. Die Milchbäuerinnen und Milchbauern in der EU arbeiten gemeinsam mit den Molkereien täglich daran, beliebte Produkte wie Joghurt ressourcenschonend zu erzeugen und weiterzuentwickeln. Durch ihren klaren Fokus auf Ressourcenschonung, die Reduktion von Emissionen und einen hohen Anspruch an das Tierwohl übernehmen sie aktiv Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft. Das Ergebnis sind hochwertige, verlässliche Lebensmittel, die nicht einen bewussten Lebensstil unterstützen.


