Interview mit Prof. Wilhelm Windisch

„Wiederkäuer sind ein Grundpfeiler unserer Agrar- und Ernährungs-Systeme”

Europas Milchwirt:innen arbeiten aktiv daran, die Emissionen ihrer Betriebe zu verringern. Ein zentraler Hebel: die Kuhfütterung, die man sogar im Glas Milch schmecken kann. Im Rahmen des EU-Programms „Enjoy it’s from Europe“ erklärt Agrarwissenschaftler Prof. Wilhelm Windisch, warum effiziente Landwirtschaft für ihn nicht ohne Nutztierhaltung funktioniere.

Die Fakten im Überblick:

  • Das Futter der Kühe beeinflusst die Nährstoffe der Milch. Es sorgt beispielsweise dafür, dass Sommer-Milchfett durch frisches Gras weicher und gelblicher ist als im Winter.
  • Dank Mikroorganismen im Vormagen können Wiederkäuer für uns unverdauliche Pflanzen in hochwertiges Eiweiß verwandeln.
  • Kühe fressen die massenhaft anfallenden, für uns ungenießbaren Pflanzenreste aus der Lebensmittelproduktion und erzeugen daraus zusätzliche Nahrung.
  • Über Mist und Gülle geben Kühe Nährstoffe sowie Kohlenstoff an die Felder zurück und unterstützen damit den Humus-Erhalt und die langfristige Bodenfruchtbarkeit.
  • Europäische Landwirt:innen senken aktiv Emissionen und sichern eine verlässliche Milchqualität, indem sie strenge EU-Regeln befolgen und ihre Kühe ressourcenschonend mit lokalem Grundfutter ernähren.

Wer ist Prof. Windisch?

Der promovierte Agrarwissenschaftler war von 2002 bis 2010 Professor für Tierernährung an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und lehrte bis 2022 an der Technischen Universität München. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Ernährung landwirtschaftlicher Nutztiere und der Rolle von Tierernährung in natürlichen Kreisläufen. Er zeigt auf, welche zentrale Rolle Wiederkäuer:innen wie Kühe und die Art ihrer Fütterung bei der Umwandlung von Pflanzenresten in Milch einnehmen und wie sie so einen natürlichen Kreislauf erhalten.

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Prof. Windisch, wie beeinflusst die Ernährung von Milchkühen den Geschmack und die Nährstoffe in der Milch? 

Der typische Geschmack und Geruch von sauber und hygienisch gemolkener Milch ist relativ konstant. Allerdings können feine ätherische Öle aus gefressenen Kräutern die Milch aromatischer machen. Bei den Nährstoffen ist der Einfluss des Futters jedoch viel größer. Bekommt die Kuh viel faserreiche Pflanzennahrung, steigt der Fettgehalt in der Milch. Fressen die Tiere frisches Gras, gelangen zudem ungesättigte Fettsäuren und Carotin in die Milch. Das erklärt auch, warum das Milchfett im Sommer eher gelblich ist und weicher, während es im Winter weißer und härter ausfällt.

Warum sind Nutztiere wie Kühe für die Landwirtschaft so wichtig, wenn es um den natürlichen Kreislauf von Nährstoffen geht, und wie profitieren wir davon? 

Milchkühe verfügen als Wiederkäuer über ein ganz besonderes mikrobielles Ökosystem in ihren Vormägen. Es kann für uns ungenießbares Pflanzenmaterial in hochwertige Nährstoffe umwandeln. Streng genommen lebt eine Milchkuh gar nicht vom Gras, das sie frisst. Sie füttert vielmehr die Mikroorganismen in den Vormägen, dann verdaut sie die gebildete Masse an eiweißreichen Mikroorganismen mitsamt den energiereichen Stoffwechselprodukten aus der mikrobiellen Fermentation. Somit wandeln die Mikroorganismen für uns Menschen unverdauliche Pflanzen in hochwertiges Eiweiß um. Milchkühe sind also Nutztiere, die Milch bereitstellen können, ohne mit uns um Ackerflächen zu konkurrieren, auf denen wir Lebensmittel anbauen. Das macht Wiederkäuer zu einem Grundpfeiler unserer Agrar- und Ernährungssysteme.

Warum ist es gut für die Umwelt und die Kühe, wenn Nutztieren auch pflanzliche Reststoffe gefüttert werden? 

Bei der Erzeugung von pflanzlichen Lebensmitteln fallen große Mengen an Reststoffen an, zum einen auf dem Acker, wie Stroh oder Blätter, zum anderen bei der Verarbeitung der pflanzlichen Ernteprodukte in der Lebensmittelindustrie, z. B. Weizenkleie, Biertreber und Zuckerrübenschnitzel. Der Anteil dieser Reststoffe ist weit größer als der Anteil der daraus gewonnenen Lebensmittel. Das heißt: Jedes Kilogramm pflanzliches Lebensmittel verursacht im Durchschnitt mindestens vier Kilogramm Reststoffe. Viele dieser Reststoffe sind hochwertige Futtermittel für Geflügel und Schweine, während die eher faserreichen Materialien sich sehr gut zur Verfütterung an Wiederkäuer eignen. So entstehen aus den Pflanzenresten große Mengen an Lebensmitteln, und zwar ohne uns Nahrung oder Agrarflächen streitig zu machen. Nicht umsonst hat sich die Verfütterung pflanzlicher Reststoffe an Nutztiere seit Jahrtausenden in der Landwirtschaft durchgesetzt.

"Nicht umsonst hat sich die Verfütterung pflanzlicher Reststoffe an Nutztiere seit Jahrtausenden in der Landwirtschaft durchgesetzt." 

– Prof. Wilhelm Windisch

Wie tragen Nutztiere zur Gesundheit des Bodens bei, und wie wirkt sich das auf die Qualität der Produkte aus? 

Wenn Nutztiere diese überschüssige Biomasse fressen, erzeugen sie nicht nur hochwertige Lebensmittel, sondern produzieren gleichzeitig Mist und Gülle. Diese „Rückstände“ der Tierhaltung sind ein Sammelbecken für Stickstoff, Phosphor, Kalium und andere wichtige Pflanzennährstoffe, die in der nicht-essbaren Biomasse gebunden waren und nun über den Dünger wieder auf die Böden zurückgeführt werden. Darüber hinaus bringen Mist und Gülle organischen Kohlenstoff zurück in den Boden und helfen so beim Erhalt des Humus. Nutztiere sind demnach ein zentrales Element des landwirtschaftlichen Stoffkreislaufs, der für den langfristigen Erhalt der Fruchtbarkeit der Böden sorgt.

Welche EU-weiten Regeln gelten für die Fütterung von Zusatzstoffen? 

In der EU gibt es ein strenges Futtermittelrecht, das die Zulassung und Anwendung von Zusatzstoffen in der Tierfütterung sehr restriktiv regelt. Da Kühe die Vitamine A, D und E ausschließlich über das Futter aufnehmen, werden diese gezielt zugefüttert. So bleibt der Vitamingehalt in der Milch das ganze Jahr über zuverlässig stabil. Auch Spurenelemente wie Jod und Selen werden je nach Bedarf der Tiere zugefüttert. Die Versorgung von Milchkühen mit Jod und Selen ist in der EU ebenfalls durch das Futtermittelrecht streng geregelt. So trägt die Kuhmilch in Deutschland und der EU maßgeblich zur Jodversorgung der Bevölkerung bei.

Wie können Landwirt:innen durch Fütterung der Tiere den Geschmack und die Qualität von Milch verbessern? 

Geschmack und Qualität von Milch werden, abgesehen von den Gehalten an essenziellen Fettsäuren sowie einigen Vitaminen und Mineralstoffen, weniger von einzelnen Futterkomponenten bestimmt. Viel entscheidender ist das gesamte Konzept des Hofes – also beispielsweise, ob die Tiere das ganze Jahr im Stall leben oder auf einer Weide grasen. Die Landwirt:innen wählen dabei immer das System aus, das am besten zu den örtlichen Gegebenheiten ihres Betriebs passt.

Welche Fütterungspraktiken werden auf europäischen Milchhöfen bereits angewendet, um Emissionen zu reduzieren?

Um die Umwelt zu schonen, ist es wichtig, dass Kühe keine Lebensmittel fressen, die eigentlich für Menschen gedacht sind. Für ihr Futter dürfen keine neuen Flächen erschlossen oder Wälder gerodet werden. In der EU achten viele Landwirt:innen darauf, dass ihre Kühe hauptsächlich Grundfutter wie Gras, Heu und Silage bekommen. Dieses stammt meist von Feldern und Dauergrünland in direkter Nähe zum Hof. Wenn auf der Milchverpackung „Weidehaltung“, „grasbasierte Fütterung“ oder „Heumilch“ steht, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass auf diese Aspekte geachtet wurde. Da solche Siegel jedoch nur indirekte Hinweise sind, wäre es am besten, den exakten ökologischen Fußabdruck des verwendeten Tierfutters direkt zu messen und anzugeben. Hier arbeitet die Branche bereits an Lösungen. Ein Projekt, das die Landwirt:innen dabei unterstützt, ihre Hof-Emissionen zu erheben, ist die Klimaplattform Milch.

 

Disclaimer
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