Interview

Nachhaltig ernähren mit der Planetary Health Diet

Sich gesund und ausgewogen ernähren und dabei den Planeten schützen? Das geht! Im Webcast spricht Dr. Malte Rubach über den Speiseplan der Zukunft und wie wir uns mit Milchprodukten nachhaltig ernähren können.

Im Jahr 2050 könnten bis zu zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben. Wie können sie gesund ernährt werden? Der Ernährungswissenschaftler und Buchautor Dr. Malte Rubach beschäftigt sich schon lange mit dieser und anderen Fragen rund um nachhaltige Ernährung. Für ihn ist klar, dass Molkereiprodukte und die Milchwirtschaft in Zukunft eine große Rolle dabei spielen werden – eben so wie ein umweltverträglicher Speiseplan nach der Planetary Health Diet.

Mit der Milch vor Ort Folge 3

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In der dritten Folge unseres Webcasts sprechen wir mit Dr. Malte Rubach über die sogenannte Planeten-Ernährung und wie wir uns mit ein paar einfachen Regeln nachhaltig ernähren können.

Dr. Rubach, was versteht man unter nachhaltiger Ernährung?

Eine nachhaltige Ernährung kennt keinen Verzicht, sie muss nur ausgewogen sein. Jedes Lebensmittel hat theoretisch seinen Platz in einer nachhaltigen Ernährung. Es kommt darauf an, wo und wie es produziert wurde und dass es uns ausreichend Nährstoffe liefert. Entscheidend ist, wie viel wir vom jeweiligen Lebensmittel konsumieren. Ist es sehr viel, erhöhen wir automatisch seinen Umwelt-Fußabdruck. Dabei geht es nicht nur um CO2-Emissionen, sondern auch um weitere Umweltfaktoren, zum Beispiel den Frischwasser- und Energieverbrauch.

Heute nutzen wir hauptsächlich fossile Energieträger für die Lebensmittelproduktion. Deshalb sind Lebensmittel, egal ob tierisch oder pflanzlich, im Verarbeitungsprozess noch nicht so nachhaltig, wie sie sein könnten. Es ist ein Trugschluss, dass wir durch Verzicht auf Milch, Milchprodukte oder andere tierische Lebensmittel den Klimawandel stoppen können. Die Stellschraube ist eher die Energieerzeugung und -nutzung. Zur Veranschaulichung hilft es, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren. Ernährung ist unsere Lebensgrundlage, das Grundbedürfnis schlechthin, das vor allen anderen Bedürfnissen erfüllt werden muss. In Deutschland trinken wir im Schnitt 110 Milliliter Trinkmilch am Tag. Die Emissionen dieses kleinen Glases Milch entsprechen beispielsweise sieben Minuten Online-Streaming. Die Frage ist nun: Welches Bedürfnis ist wichtiger, lebensnotwendige Nährstoffe oder Unterhaltung?

„In Deutschland trinken wir im Schnitt 110 Milliliter Trinkmilch am Tag. Das entspricht beispielsweise sieben Minuten Online-Streaming.“

Dr. Malte Rubach, Ernährungswissenschaftler und Buchautor

Würde es helfen, sich rein vegetarisch zu ernähren?

Nein. Es können nicht alle Menschen auf der Erde ausschließlich von pflanzlichen Lebensmitteln ernährt werden. Das ist utopisch. Es wird zwar immer wieder in diversen Studien als Modellrechnungen vorgeführt, dass dieses oder jenes möglich wäre, wenn diese und jene Bedingungen zutreffen würden. Das Problem ist, dass die Bedingungen dafür niemals zutreffen werden. Zum Beispiel müssten dafür alle pflanzlichen Lebensmittel überall gleichzeitig und in ausreichender Menge verfügbar sein, um die Nährstoffe und Proteinqualität aus tierischen Lebensmitteln vollständig zu ersetzen. Das geht schon allein deshalb nicht, weil sie nur saisonal verfügbar sind und regional höchst unterschiedlich angebaut werden können.

Was besagt die Planeten-Ernährung konkret?

Die Planeten-Ernährung – im Englischen ‚Planetary Health Diet‘ – verfolgt den Ansatz, dass sowohl der Mensch als auch der Planet gesund bleiben. Es handelt sich dabei um eine Ernährungsempfehlungen, die die Eat-Lancet-Kommission 2019 veröffentlicht hat. Dahinter steht ein Expertengremium aus unterschiedlichen Disziplinen, von den Ernährungswissenschaften bis zur Agrarökonomie. Mit dieser Ernährungsweise soll es möglich sein, dass im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen jeden Tag genügend zu essen bekommen, ausreichend mit Nährstoffen versorgt sind und gleichzeitig die planetaren Grenzen nicht überschritten werden, also Ressourcen nicht erschöpft und die Umwelt nicht zerstört werden.

Das klingt toll. Müssen sich dafür einfach alle an denselben Speiseplan halten?

Die Planetary Health Diet empfiehlt alle Lebensmittel, die verfügbar sind, auch tierische Lebensmittel. Sie ist aber nur eine Empfehlung. Sie kann auch vegan, vegetarisch oder eben als Mischkost umgesetzt werden, je nachdem, was lokal und regional angeboten wird – angepasst an die regionalen Verzehrmuster, Esskulturen und persönlichen Präferenzen. Wichtig ist: Wir sollten definitiv kein einziges Lebensmittel von unserem Speiseplan streichen. Jedes Lebensmittel ist ein Mittel zum Leben. Was in welcher Region verzehrt wird, ist eine Frage der Verfügbarkeit, des Zugangs und der Kosten. Wichtig ist zum Beispiel, dass ein Großteil der Lebensmittel auf unserem Speiseplan aus regionaler Erzeugung stammen, damit sie nicht unnötig hin- und hertransportiert werden müssen.

Welchen Platz hat die Milch in der Planeten-Ernährung?

In einem Milchproduktionsland wie Deutschland hat sie ihren festen Platz auf einem nachhaltigen Speiseplan. Die Planeten-Ernährung empfiehlt ganz konkret 250 bis 500 Milliliter Milchäquivalente am Tag. Milchäquivalente deshalb, weil in verschiedenen Molkereiprodukten unterschiedlich viel Milch steckt. Man braucht zum Beispiel ungefähr zehn Liter Rohmilch, um ein Kilogramm Käse herzustellen. Laut Nationaler Verzehrsstudie trinken Deutsche im Durchschnitt 110 Milliliter Trinkmilch am Tag. Es können also noch etwa 14 Gramm Käse beziehungsweise 140 Milliliter Milchäquivalente am Tag mehr sein, ohne die planetaren Grenzen zu sprengen.

Haben Milchtrinker:innen beim planetaren Speiseplan einen Vorteil?

Milch ist auch für Erwachsene ein wertvoller Nährstofflieferant, insbesondere für Kalzium und einige B-Vitamine. Für mindestens neun bis zehn Nährstoffe deckt die Milch den Tagesbedarf von mindestens fünf Prozent dieser Nährstoffe. Pflanzliches Eiweiß ist nicht so hochwertig wie tierisches. Menschen, die Milch konsumieren, können sich also schlicht einfacher mit den notwendigen Nährstoffen versorgen.

Initiative Milch Webcast Käse macht glücklich

Können Sie uns ein paar konkrete Ernährungstipps für den Alltag geben?

Meine drei besten Tipps für eine fast perfekte Ernährung sind:

1. Kein Lebensmittel ausschließen.
Jedes Lebensmittel enthält wertvolle Nährstoffe oder kann zu einem Rezept beitragen, um es geschmackvoll zu gestalten. Für manche Menschen gibt es gesundheitliche oder ethische Gründe, auf ein Lebensmittel zu verzichten. Doch jeder Verzicht führt zu einer einseitigen Ernährung, die sehr bewusst durchgeführt werden muss. Damit sollte man sich sehr gut auskennen. Am besten ist es, kein Lebensmittel von vornherein auszuschließen.

2. So oft wie möglich kochen.
Nur, wer sich mit Lebensmitteln auseinandersetzt – also selbst einkauft, verarbeitet und kocht – hat die Möglichkeit, sie zurückzuverfolgen. Wo kommen meine Lebensmittel her? Wie sind sie hierher gekommen? So kann jede und jeder mit einem besseren Gewissen kochen, essen und bewusster Entscheidungen treffen, zum Beispiel auch für ein alternatives Lebensmittel.

3. Am Ernährungs-Ball bleiben.
Man sollte sich kontinuierlich damit auseinandersetzen, was in der Öffentlichkeit zum Thema Ernährung gesagt wird und von wem. Wie sind diese Informationen zustande gekommen? Was habe ich selbst für Erfahrungen gesammelt? Kann ich daraus ableiten, welche für mich die beste Ernährungsweise ist? Welche Lebensmittel schmecken – ohne bestimmte Dinge von vornherein auszuschließen? Wer das beherzigt, ist auf einem guten Weg, die für sich richtige Ernährung zu finden.

Dr. Malte Rubach und Heike Zeller beim Expertentalk 2022

Dr. Rubach beteiligt sich intensiv an Diskussionen rund um Ernährung – wie hier mit Heike Zeller beim Expertentalk der Initiative Milch im Januar 2022.

Warum sind Sie Ernährungswissenschaftler geworden?

Eigentlich wollte ich Medizin studieren. In einem Wartesemester habe ich einige Kurse der Ernährungswissenschaften besucht. Da habe ich gemerkt, dass mich das viel mehr interessiert als die Medizin. Also bin ich dabeigeblieben. Heute habe ich dieses Thema vollkommen verinnerlicht und beteilige mich als Ernährungswissenschaftler und Buchautor an der öffentlichen Debatte rund um Ernährung.

Wie viel Milch konsumieren Sie am Tag?

Ich bin schon seit meiner Kindheit Milchtrinker. Nach dem Fußballtraining war der Liter Milch obligatorisch. So viel ist es heute nicht mehr. Aber ich trinke immer noch sehr gerne ein Glas Milch oder esse Müsli mit Milch, und ich liebe Käse. Es ist nicht so, dass ich bewusst täglich eine bestimmte Menge Milch konsumiere. Sie ist einfach ein natürlicher Bestandteil meines Alltags.

Wie streng halten Sie sich an die Planeten-Ernährung?

Ich ernähre mich nach keiner strikten Ernährungsempfehlung, indem ich jeden Tag das Gramm genau wiege. Aber ich achte auf meinen Fleischkonsum, wie es auch die Planeten-Ernährung oder die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen. Auch bei anderen Lebensmitteln habe ich die Richtwerte im Hinterkopf. Wenn wir das alle im Groben einhalten, denke ich, sind wir auf dem richtigen Weg hin zu einer nachhaltigen Ernährung.