Vortrag
Welche Rolle spielt die Milchwirtschaft heute und in Zukunft für unsere Ernährung? Agrarwissenschaftlerin Pauline Große beleuchtet in ihrem Vortrag beim VFED-Kongress das Spannungsfeld zwischen Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Nahrungsmittelkonkurrenz. Ihre Bilanz: Die Milchwirtschaft schließt biogene Stoffkreisläufe und sichert wertvolle Nährstoffe.
Ob der Schluck Milch im Kaffee, der Joghurt zum Frühstück oder der Käse auf dem Abendbrot: Für die meisten von uns gehören Milchprodukte ganz selbstverständlich zum Alltag. Laut Erhebungen des European Milk Forum (EMF) zählen sie für 80 Prozent der Deutschen zu einer ausgewogenen Ernährung. Acht von zehn Konsument:innen genießen Milch und Co. mindestens einmal pro Woche, jeder Fünfte sogar täglich. Verbraucher:innen nennen neben dem Geschmack (48 %) vor allem den Nährstoffgehalt und den gesundheitlichen Wert (41 %) als maßgebliche Kaufmotive.
Doch mit Blick auf das Klima fragen sich viele, ob der Genuss noch vertretbar ist. Die Agrarwissenschaftlerin Pauline Große gibt Entwarnung und richtet den Fokus auf das Gesamtbild. Denn wer nur auf Methanemissionen schaut, übersieht schnell, was die Milchkuh im Gesamtsystem der Landwirtschaft und für die Versorgung der Menschen tatsächlich leistet.
Pauline Große ist Referentin für Qualitätsförderung bei der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e. V. Durch den früheren Milchkuhbetrieb ihrer Großeltern ist sie seit ihrer Kindheit eng mit der Landwirtschaft verbunden. Ihr Studium der Agrarwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen absolvierte sie mit den Schwerpunkten Nutztierwissenschaften im Bachelor und Agribusiness im Master. Praktische Erfahrungen sammelte sie unter anderem durch landwirtschaftliche Praktika und eine Anstellung auf einem Milchkuhbetrieb.
Weltweit besteht mehr als die Hälfte (67 %), in Europa etwa ein Drittel (1) (32 %) und in Deutschland mehr als ein Viertel (28 %) der Agrarflächen aus Wiesen und Weiden. Diese Böden lassen sich nicht für den Ackerbau nutzen. Hier wirken Milchkühe als Bio-Veredlerinnen. Sie schlüsseln die für den Menschen ungenießbaren Pflanzenfasern auf und wandeln sie in hochwertiges Eiweiß um.
In diesem Zusammenhang wird häufig die Frage nach der Nahrungsmittelkonkurrenz zwischen Mensch und Tier aufgeworfen. Eine direkte Konkurrenz entsteht, wenn fruchtbare Ackerflächen für den Anbau von Tierfutter genutzt werden, anstatt direkt für die menschliche Nahrung. Bei Gras vom Dauergrünland und agrarischen Nebenprodukten wie Pflanzenresten vom Feld besteht jedoch keine Nahrungsmittelkonkurrenz. Durch die gezielte Verfütterung von Reststoffen aus der Getreide-, Ölsaat- und Gemüseverarbeitung werden Nährstoffe vielmehr effektiv im Kreislauf gehalten, anstatt als Abfall zu enden.
Ganz ohne Treibhausgase geht es bei der Erzeugung von Lebensmitteln nicht. Die gute Nachricht: Es gibt großes Potenzial, um Emissionen einzusparen. Landwirt:innen in ganz Europa engagieren sich in datengestützten Nachhaltigkeitsprojekten. Über die Klimaplattform Milch etwa, einer gemeinsamen Datenbank der niedersächsischen Molkereien, ermitteln in Deutschland bereits mehr als 5.000 landwirtschaftliche Betriebe in Niedersachsen ihre individuellen Klimabilanzen.(2)
Diese Klima-Checks zeigen, an welchen Stellschrauben Erzeuger:innen ansetzen können. Der Hauptanteil der Treibhausgase entsteht durch die natürliche Pansenverdauung der Tiere (39 %), durch die Futtermittelherstellung (33 %) und das Wirtschaftsdüngermanagement (18 Prozent).(3) Somit können Milchwirt:innen ihren CO₂-Fußabdruck pro Liter Milch weiter senken, indem sie Fütterungsstrategien optimieren, die Qualität des Grundfutters steigern und moderne Techniken zur Gülleausbringung einsetzen. Bereits heute erzeugt die deutsche Milchwirtschaft mit durchschnittlich 1,4 kg CO₂-Äquivalenten pro Liter Rohmilch deutlich weniger Emissionen als der weltweite Durchschnitt von 2,4 kg CO₂-Äquivalenten je Liter.(4)
Wenn wir an den klimaschonenden Stellschrauben drehen, bleibt Milch ein wertvolles, regionales und zukunftsfähiges Lebensmittel.
Pauline Große
Ein weiterer wichtiger Grund für eine Agrarstrategie, in der auch Milch ihren Platz findet: die verlässliche Versorgung der Bevölkerung. In Sachen Milchprodukte weist Deutschland im europäischen Vergleich hohe Selbstversorgungsgrade auf.(5) Käse liegt bei 125 Prozent, Joghurt bei 124 Prozent, Butter bei 112 Prozent und Konsummilch bei 106 Prozent.(6) Das bedeutet, dass Deutschland mehr Käse, Butter und Milch produziert als im Land selbst verzehrt werden. Hinzu kommt, dass Milch eine hohe Nährstoffdichte besitzt. Somit bleibt die heimische Nährstoffversorgung auch in Krisenzeiten unabhängig.
Was die Verzehrmengen anbelangt, diskutiert die Fachwelt zwei unterschiedliche Ansätze: die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das internationale Konzept der Planetary Health Diet (PHD). Die DGE empfiehlt in ihrem Ernährungskreis, täglich Milchprodukte zu verzehren. Die PHD, die im globalen Ernährungsplan den Schutz des Planeten berücksichtigt, setzt deutlich geringere Mengen an. Ein Grund dafür sind die unterschiedlichen Bewertungen des täglichen Kalziumbedarfs. Ernährungswissenschaftler:innen betonen jedoch, dass der Verzicht auf Milchprodukte ohne gleichwertigen Nährstoffersatz Risiken bergen kann. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ist eine adäquate Kalziumzufuhr unverzichtbar, um im Wachstum eine maximale Knochendichte aufzubauen. Fest steht, dass der weltweite Konsum von Milchprodukten wie Käse und Joghurt kontinuierlich steigt.
Pauline Große hält das für keine gute Idee. Agrarökonom:innen befassen sich schon lange mit Szenarien, wie nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung mit und ohne Tiere aussehen würden. Dr. Annette Freibauer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft etwa hat untersucht, wie sich die unterschiedliche Flächennutzung von Acker und Grünland auswirken würde. Demnach wäre eine „Welt ohne Milch“ nicht zukunftsfähig.
Ziel sollte es vielmehr sein, dass in der Milchwirtschaft von morgen Tradition und Innovation ineinandergreifen, um den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Mit klimaschonenden Erzeugungsmethoden, digitaler Erfassung auf den Höfen und einer effizienten Verwertung von Agrarnebenprodukten bleibt Milch ein wertvolles, regionales und zukunftsfähiges Lebensmittel.
Die europäische Milchwirtschaft steht für Qualität, Vielfalt und Verantwortung. Die Milchbäuerinnen und Milchbauern in der EU arbeiten gemeinsam mit den Molkereien täglich daran, beliebte Produkte wie Joghurt ressourcenschonend zu erzeugen und weiterzuentwickeln. Durch ihren klaren Fokus auf Ressourcenschonung, die Reduktion von Emissionen und einen hohen Anspruch an das Tierwohl übernehmen sie aktiv Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft. Das Ergebnis sind hochwertige, verlässliche Lebensmittel, die einen bewussten Lebensstil unterstützen.
Disclaimer
Von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen des Autors bzw. der Autoren und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für die Forschung (REA) wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können dafür verantwortlich gemacht werden. Weitere Informationen zu einer ausgewogenen und gesunden Ernährung finden Sie hier: Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)


