Junge Landwirtschaft

„Man muss es wollen“

Lea Müller ist Jungbäuerin aus Leidenschaft. Sie erzählt uns, warum sie sich keinen besseren Job vorstellen kann und wie sie die Zukunft gestalten will.

Lea Müller arbeitet auf dem Weidenhof im hessischen Wächtersbach. 250 Kühe geben hier Milch, die jeden Morgen mit Tankwagen auf dem Weg in die Molkerei und von da in den Handel geht. Der Familienbetrieb hat sich daneben noch weitere Standbeine aufgebaut. Einen Teil ihrer Milch verarbeiten die Müllers in der hauseigenen Molkerei zu Trinkmilch und anderen Leckereien, die sie im Hofladen verkaufen. Mit dem „Weidenhof Q“ betreibt die Familie auch eine Bauernhof-Gastronomie. Die Heizenergie für den gesamten Betrieb kommt aus der eigenen Biogasanlage. Besucher können sich bei öffentlichen Hofführungen alles genau anschauen – ein vielseitiger Betrieb, der jede Menge Arbeit mit sich bringt.

Mit der Milch vor Ort Folge 2

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Wir haben Lea auf ihrem Hof besucht. Schau dir ihre Geschichte in unserem neuen Videoformat an.

Lea, du bist 25 Jahre jung und hast dich nach deiner agrarwirtschaftlichen Ausbildung entschieden, auf dem Familienhof zu arbeiten. Was treibt dich an?

Die Landwirtschaft lebt von der Leidenschaft. Der Job ist sehr arbeitsintensiv und man steckt viel Zeit hinein. Das muss man wollen. Für mich ist das Alltag. Ich bin auf dem Bauernhof groß geworden. Nach Ausflügen in andere Branchen habe ich gemerkt, dass ich einfach hier hingehöre. Also habe ich mich dazu entschlossen, hier zu arbeiten und den Hof später von meinen Eltern zu übernehmen.

Der ausschlaggebende Faktor für diese Entscheidung sind die Tiere. Unsere Kühe sind für uns das Allerwichtigste. Was würde aus ihnen werden, wenn den Betrieb keiner mehr weitermacht?

Besonders schön ist die Bindung zu jedem Tier, sie ist ganz individuell. Genau wie beim Menschen hat jede Kuh ihren eigenen Charakter. Einige Kühe sind sehr liebevoll und lassen sich streicheln. Andere mögen das wiederum gar nicht. Es gibt viele Kühe, deren Namen und Ohrmarken-Nummer ich auswendig kenne. Ich habe auch Lieblingskühe, die erkenne ich auf Anhieb unter anderem an ihrer Musterung. Das ist einfach schön!

Ich kann guten Gewissens sagen, dass ich jede unserer Kühe mindestens einmal am Tag sehe. Das muss auch so sein. Denn das Tierwohl steht auf unserem Betrieb an erster Stelle. Wir sorgen mit Kuhbürsten, Ventilatoren, frischer Einstreu und so weiter für Kuhkomfort. Und wenn mal eine Kuh krank ist, muss alles andere warten. Das ist ganz klar!

Die moderne Landwirtschaft erfährt viel Lob, aber auch Kritik. Wie viel Wertschätzung erfährst du durch deine Arbeit?

Wir merken, dass das Interesse an der landwirtschaftlichen Arbeit wächst. Um zu zeigen, woher unsere Milchprodukte kommen und wie es auf einem Milchhof zugeht, bieten wir öffentliche Hofführungen an. Und die haben richtig guten Zulauf. Viele Familien mit Kindern und Schulklassen kommen zu uns. Im Grunde steht unser Hof immer offen für Interessierte, solange wir weiter unsere Arbeit machen können. Denn wir wollen ja, dass die Menschen sehen, was hier passiert.

Man darf nicht vergessen: Wir produzieren Lebensmittel für die Menschen. Das ist eine wichtige Aufgabe. Wir bekommen von unseren Hofladen-Kund:innen viel Lob für unsere Produkte, das macht uns stolz. Das sind kleine Erfolge. Durch die regionalen Produkte und auch seit Corona hat sich die Wertschätzung für unsere Arbeit etwas verstärkt. Doch es ist immer noch zu wenig. Die Landwirtschaft hat wesentlich mehr Wertschätzung verdient.

Welche Maßnahmen ergreift ihr auf eurem Hof, um nachhaltig zu wirtschaften?

CO2-neutral zu wirtschaften, ist mittlerweile ein sehr komplexes Thema. Es gibt viele Bereiche, in denen wir etwas tun können. Wir arbeiten zum Beispiel schon lange mit einer Direktverteilung in der Gülletechnik. Das ist ein am Güllefass angebautes Schleppschuh-System. Dabei gehen vom Güllefass selbst Schläuche ab. Kleine Kufen schlitzen den Ackerboden leicht auf, sodass die Gülle über die Schläuche direkt in die Erde ausgebraucht wird. Das vermeidet diesen fiesen Sprühnebel, der zu Treibhausgas-Emissionen beiträgt.

Für den effizienten Stallbetrieb nutzen wir einen Melkroboter und Kuh-Halsbänder. Über die Transponder messen wir zum Beispiel die Wiederkäu-Aktivität und die Fress-Minuten und können sehen, wie viel sich eine Kuh im Stall bewegt. Gibt es da Abweichungen, können wir schnell reagieren. Die Überwachung und Früherkennung von Krankheiten sind auch ein wichtiger Faktor für das Tierwohl.

Außerdem haben wir seit 2002 eine Biogasanlage in Betrieb. Die bewirtschaften wir mit unseren eigenen Rohstoffen, also auch mit dem Mist der Kühe. Wir nutzen die Energie aus der Anlage zum Beheizen des Wohnhauses, der Molkerei und für die Produktion unserer Lebensmittel. Dadurch haben wir praktisch unseren eigenen Klimakreislauf.

Mit Blick auf die Zukunft wollen wir in Sachen Klimaschutz und Effizienz noch mehr tun. Wir überlegen zum Beispiel, auf unsere großen Stalldächer eine Photovoltaik-Anlage zu bauen und modernste Technik anzuschaffen, um noch effizienter zu wirtschaften.

Was liebst du am meisten an deinem Beruf?

Die Arbeit auf dem Bauernhof ist unglaublich vielfältig. Du bist in der Natur und auch bei Wind und Wetter draußen, du arbeitest mit Tieren und mit Maschinen. Daneben gibt es aber auch Büroarbeit. Es sind viele verschiedene Aufgaben, sodass ich mich voll entfalten kann. Das macht einfach super viel Spaß.

Natürlich ist es auch ein harter Job. Deswegen gibt es immer weniger junge Leute, die das machen wollen. Aber für mich ist es die einzig wahre Arbeit. Das Schönste daran sind die Tiere, denen ich jeden Tag meine Aufmerksamkeit schenke. Der Hof ist einfach mein Zuhause. Daher bin ich sehr froh, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe.

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